Hildesheimer Allgemeine Zeitung

So sahen Hildesheimer die Zwangsarbeiter

Veröffentlicht von Christian Harborth am 14.11.2017.

Hildesheim - Wie ist es den Zwangsarbeitern ergangen, die während des Zweiten Weltkriegs von Hildesheim aus am „Endsieg“ der Nationalsozialisten mitarbeiten mussten? Waren es überwiegend Fremdarbeiter, die freiwillig zum Arbeiten nach Hildesheim gekommen waren und ihre Arbeit als geschätzte Kollegen ausführten? Oder handelte es sich größtenteils um feindliche Soldaten und Verschleppte aus eroberten Gebieten, deren Leben in Deutschland am seidenen Faden hing?

Die Geschichtswerkstatt Berlin hat sich diesem Thema schon vor einiger Zeit gewidmet. Jetzt haben die Verantwortlichen ihre Homepage www.zwangsarbeit-bosch.de ergänzt. Seit einigen Tagen kommen auf der Seite neben ehemaligen Zwangsarbeitern auch Hildesheimer Zeitzeugen zu Wort.

Einer von ihnen ist Hubertus Pagany aus Itzum. Die Historikerin Angela Martin, Mitarbeiterin der Freien Universität Berlin und der Berliner Geschichtswerkstatt, hat ihn bei der Vorstellung ihres Projekts kennengelernt. Später besuchte sie ihn in Hildesheim und interviewte den 90-Jährigen, der als Heranwachsender Lehrling der damaligen „Elfi“, der Elektro- und Feinmechanische Industrie GmbH (später Trillke-Werke GmbH), war. Bosch hatte ab 1935 auf Drängen der Nazis zwei Tarnfirmen für die Rüstungsproduktion gegründet. Die eine war die Dreilinden Maschinenbau GmbH in Kleinmachnow bei Berlin, die andere das von dichtem Grün umgebene Unternehmen am Hildesheimer Wald. Pagany schildert in dem Interview, wie er den meist gleichaltrigen Zwangsarbeitern begegnete. Erinnerungsberichte anderer Deutscher zeigen deren sehr unterschiedliche Haltung gegenüber den „Fremden“.

Damit die Geschichte des Werks nicht in Vergessenheit gerät

Zeitzeuge Karl-Josef Fricke, der ab 1940 in dem Werk ausgebildet worden war, schildert auch negative Eindrücke von polnischen Zwangsarbeitern. „Die Polen allgemein waren wenig kooperativ. Es kam oft zu lautstarken Protesten am Arbeitsplatz“, wird er auf der Seite zitiert. Fricke ist auch Mitglied der eng mit Bosch verbundenen Archivgruppe. Dort arbeitet eine Handvoll ehemaliger Mitarbeiter daran, dass die Geschichte des Werks nicht in Vergessenheit gerät.

Geschürte Ressentiments gegen die Zwangsarbeiter waren während der Nazizeit an der Tagesordnung. „Es gilt, eine geschlossene Front gegen alles Undeutsche zu bilden und sich nicht durch Mitleid oder Gutmütigkeit verleiten zu lassen, sondern stets zur Abwehr bereit zu sein“, hatte etwa der stellvertretende Gauverbandsleiter Cunow im Oktober 1941 bei einer Versammlung des Bundes Deutscher Osten in Hildesheim gesagt.

Wenige Tage danach ließ Oberbürgermeister Werner Krause bekannt machen, dass polnische Zivilarbeiter zeitweise nicht mehr auf wichtigen Straßen wie der Bernward- oder Almsstraße sowie im Hohen Weg unterwegs sein dürfen. An Sonn- und Feiertagen durften sie diese Straßen während des ganzen Tages nicht betreten. Ganz verboten war von da an der Aufenthalt in städtischen Anlagen wie Liebesgrund, Hagentorwall, Langelinienwall, Große Venedig, Johannisfriedhof oder Ehrlicherpark.

Die Stadtverwaltung ordnete die „Ausschaltung der Polen aus dem Straßenverkehr an“ und ging damit über die übliche Diskriminierung noch hinaus, heißt es dazu auf der Seite der Geschichtswerkstatt. Dass den Verschleppten großes Unrecht geschah, sei den wenigsten Deutschen bewusst gewesen.