Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Sösetalsperre leer wie selten – anderes Wasser für Hildesheim

Veröffentlicht von Tarek Abu Ajamieh am 07.09.2018.

Kreis Hildesheim - Das kühle Nass, das derzeit aus den Wasserhähnen in Hildesheim und den meisten Städten und Gemeinden im Landkreis kommt, schmeckt zwar nicht spürbar anders. Doch es stammt woanders her: nämlich aus der Granetalsperre bei Goslar und nicht mehr aus der Sösetalsperre. Denn der Betreiber, die Harzwasserwerke, will angesichts des arg gesunkenen Wassertandes den Söse-Stausee bei Osterode schonen.

Um das zu erreichen, haben die Harzwasserwerke Anfang dieser Woche die Söse-Leitung in Richtung Hildesheim, Hannover und Bremen nahe des Trinkwasser-Hochbehälters bei Petze (Gemeinde Sibbesse) dichtgemacht. Bei Petze treffen die Leitungen von Grane- und Sösetalsperre aufeinander. Nun fließt das Granewasser weiter in Richtung Norden. Dadurch soll der Trinkwasser-Abfluss der Sösetalsperre von rund 550 Litern pro Sekunde auf noch rund 400 Liter pro Sekunde reduziert werden.

Durch diese Umstellung kann auch Wasser aus Innerste- und Okertalsperre in den Gläsern der Hildesheimer landen. Denn beide Stauseen sind zwar eigentlich nicht für die Trinkwasserversorgung gedacht. Die Harzwasserwerke können aber aus beiden Anlagen Wasser in die Granetalsperre leiten, wo es im dortigen Wasserwerk in der nötigen Qualität aufbereitet wird.

Erstmals seit 22 Jahren

Der Versorger mit Sitz in Hildesheim greift erstmals seit 1996 zu dieser Maßnahme und reagiert damit auf den historisch niedrigen Füllgrad des Stausees von gestern noch 35,8 Prozent. Die Anlage soll zudem weit weniger Wasser als üblich in den Fluss durchlassen.

Außerdem wird geprüft, Wasser aus den Teichen des „Oberharzer Wasserregals“ in die Trinkwasser-Talsperren zu leiten. Zumindest in den nächsten Wochen rechnen die Harzwasserwerke nicht mit nennenswerten Niederschlägen, es droht ein weiterer Rückgang des im Harz gestauten Trinkwassers.

Tatsächlich verzeichnete das Unternehmen zwischen Februar und August dieses Jahres die geringste Niederschlagsmenge seit Beginn der Messungen im Jahr 1857. Zugleich lag der Trinkwasser-Verbrauch der rund 2 Millionen Endkunden in Niedersachsen und Bremen im Juli und August mit 10 Millionen Kubikmetern um knapp 20 Prozent über dem Durchschnitt.

Weiteres Trockenjahr?

Inzwischen bereitet sich das Unternehmen auf ein weiteres Trockenjahr vor. Zudem plant es ein Forschungsprojekt, um langfristig Trinkwasserversorgung und Hochwasserschutz in Niedersachsen sicherzustellen. „Wir gehen davon aus, dass extreme Wetterereignisse – also lange Trockenperioden ebenso wie intensive Starkregen-Ereignisse – zunehmen werden“, sagte Geschäftsführer Olaf Donner am Freitag bei einer Pressekonferenz im Wasserwerk der Sösetalsperre. Zum Wassersparen will die Firma aber noch nicht aufrufen.

Umweltminister Olaf Lies (SPD) betonte, die langfristige Sicherstellung der öffentlichen Wasserversorgung habe „oberste Priorität“. Bis zum Jahr 2021 wolle die Landesregierung dafür ein Wasserversorgungskonzept aufstellen. Auch das von den Harzwasserwerken angekündigte Forschungsprojekt, das die EU finanziell unterstützen soll, dürfte dort ein fließen.

Geschäftsführer Donner betonte, die Bedeutung des „Wasserspeichers Harz“ für Niedersachsen werde weiter steigen. Deshalb müsse unter anderem geprüft werden, ob sich durch neue Stollen zusätzliche Verbindungen zwischen den einzelnen Talsperren herstellen ließen, um Wasser nach Bedarf hin- und herzupumpen. Zwischen Innerste- und Granetalsperre zum Beispiel ist das bereits möglich. Aber auch die Vergrößerung bestehender Stauseen und selbst der Bau weiterer Talsperren müssten zumindest geprüft werden.

Sorgenkind Söse

Einfache Lösungen werde es nicht geben, sagte Donner. Neben der Sicherung von Trinkwasser und dem Schutz vor Hochwasser gehe es auch darum, die Flüsse am Fließen zu halten.

Das Wasser, dass aus den Talsperren abgelassen werde, mache 50 bis 90 Prozent des Flusswassers aus. Werde weniger Wasser abgegeben wie nun an der Söse, bestehe die Gefahr, dass Flüsse abschnittsweise trockenfielen. Das könnte verheerende Auswirkungen auf das Ökosystem haben und auf Kühlwasser angewiesene Firmen vor massive Probleme stellen. Im Zweifel habe aber das Trinkwasser Priorität.

Die Sösetalsperre, traditionell das Reservoir für Hildesheims Trinkwasser, ist derzeit das große Sorgenkind der Harzwasserwerke. Sie ist nur noch zu 35,8 Prozent gefüllt. Die beiden anderen Trinkwasser-Stauseen Grane (64,3 Prozent) und Ecker (51,1 Prozent) stehen deutlich besser da.Würde das Unternehmen gar nicht auf den Tiefstand dort reagieren und bliebe es ähnlich trocken wie zuletzt, würde die Wassermenge dort bis Anfang Januar von jetzt gut 9 Millionen auf noch 2 Millionen Kubikmeter sinken, rechnete Mitarbeiter Frank Eggelsmann gestern am Stausee vor.

Kein Spar-Aufruf

Deshalb wolle das Unternehmen nicht nur für Teile seines Versorgungsgebietes auf die Granetalsperre umstellen, sondern auch den Abfluss für die Söse selbst mehr als halbieren. Zusätzlich soll noch Wasser aus einem Graben, der eigentlich woanders hinfließt, in die Sösetalsperre umgeleitet werden.

Durch diese Eingriffe soll der sich Füllgrad der Talsperre bis Januar selbst im schlimmsten Fall immerhin bei 6 Millionen Kubikmetern einpendeln. Um das alles überhaupt noch messen zu können, muss das Unternehmen allerdings neue Geräte installieren: „So tief unten haben wir noch gar keine Sensoren“, gab Geschäftsführer Christoph Donner am Freitag bei einer Pressekonferenz an der Talsperre zu.

Und wenn es dann ab Januar weiterhin nicht oder nur wenig regnet? „Wir haben noch einige Maßnahmen in petto, die wir intensiv prüfen – zum Wassersparen rufen wir jedenfalls noch nicht auf“, sagte Pressesprecherin Marie Kleine gestern auf Nachfrage.

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