Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Hildesheim: Sprechstunde für Notfälle zieht um

Veröffentlicht von Marita Zimmerhof am 12.08.2019.

Hildesheim - Die Notfallsprechstunde der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zieht um: Am 30. September wird sie zum letzten Mal im Bernward Krankenhaus angeboten, einen Tag später, am 1. Oktober, öffnet sie in neuen Räumen im Helios Klinikum. „Am neuen Standort sind wir viel dichter an der Notaufnahme“, sagt Dr. Petra Lattmann, die Vorsitzende des KV-Bezirksausschusses Hildesheim. Dies sei ein deutlicher Vorteil gegenüber der derzeitigen Situation, wo ein Stockwerk und mehrere Flure beide Versorgungseinheiten trennen.

Die Notfallsprechstunde, nicht zu verwechseln mit den Notaufnahmen der Krankenhäuser, muss von den Kassenärzten angeboten werden, damit Patienten auch außerhalb der Praxisöffnungszeiten jederzeit einen Ansprechpartner finden. Finanziert wird die Einrichtung über eine Umlage, die von den knapp 500 kassenärztlichen Vertragsärzten im Bezirk aufgebracht wird. Sie sind es auch, die nach einem festen Schlüssel die Sprechstunde besetzen. Allerdings können sie diese Verpflichtung an Kollegen delegieren; eine Möglichkeit, die gerade Ärzte mit stark frequentierten Praxen gern nutzen.

Die Triage entscheidet

Im Klinikum haben Patienten, die in die Notaufnahme wollen, künftig denselben Anlaufpunkt wie Patienten, die die Notfallsprechstunde ansteuern. Dort nimmt sie eine dafür ausgebildete medizinische Fachkraft (kein Arzt) in Empfang, die eine Einschätzung trifft, ob der Patient ein Fall für die Notaufnahme oder für die Sprechstunde ist. Triage (abgeleitet vom französischen trier, sortieren) nennt sich das heute schon in vielen Kliniken angewandte Bewertungssystem. Im Klinikum soll das neu entwickelte computergestützte SmED-Triage-Programm eingesetzt werden, das landesweit gerade in elf Praxen getestet wird.

Ein gemeinsamer Tresen

Die Forderung nach einem „gemeinsamen Tresen“ in einem „Integrierten Notfallzentrum“ (INV) hatte kürzlich Gesundheitsminister Jens Spahn erhoben, um den oftmals heillos überlasteten und kostenintensiven Notaufnahmen zu helfen. Dort tauchen nämlich immer wieder Patienten auf, die wegen der geringen Schwere ihrer Erkrankung hier gar nicht hingehören und das System für wirkliche Notfälle verstopfen. Noch allerdings konnte Spahn seine Ideen nicht in Gesetzestexte fassen. Hildesheim verfolgt die Zielrichtung dennoch schon heute. „Das Spahn-Papier spricht uns aus der Seele“, sagt Lattmann.

Umfassende Sofortdiagnose

Auch Dr. Elmar Wilde, Vorsitzender der KV-Kreisstelle, erwartet spürbare Verbesserungen: Durch das Triage-System liege eine Einstufung der Patienten schon nach wenigen Minuten vor, sodass echte Notfälle schneller versorgt werden können. Durch ein „gemeinsames Backoffice“ für die diensthabenden niedergelassenen Ärzte und die Klinikärzte in der Notaufnahme gebe es zudem kurze Wege, um sich zu beraten und abzustimmen. „So bekommen wir eine umfassende Sofortdiagnostik.“

Das neue Konzept kommt auch dem Krankenhaus entgegen: Ziel aller Helios-Häuser sei es, dass in der Notaufnahme nicht mehr als 30 Minuten bis zum Erstkontakt mit einem Facharzt vergehen, sagt Klinikumgeschäftsführer Sascha Kucera. In der INV lasse sich dieser Vorsatz viel besser verwirklichen.

Name oder Nummer

Einen echten Tresen wird es allerdings gar nicht geben: Schon aus Gründen des Datenschutzes liegen hinter der Wartezone zwei abgeschlossene Räume für die Triage-Erhebung. Unklar ist aus dem gleichen Grund auch, ob die Patienten künftig namentlich aufgerufen werden oder anonym als Nummer, was auch befremdlich wirken könnte. Noch wird die Lösung diskutiert.

Handwerker sind jedenfalls schon einmal damit beschäftigt, mit Trockenbauwänden im hinteren Teil des Hauptgebäudes zwei Anmelde- und drei Behandlungsräume zu errichten. Ein paar staubige Fußabdrücke vor der Bauschutzplane der Wartezone zeugen von ihrem Wirken. Die Baukosten zahlt das Klinikum, das die Einheit für zunächst fünf Jahre an die Kassenärzte vermietet. Anders als bislang organisiert die KV die Arzthelferinnen (deren Beruf heute Medizinische Fachangestellte heißt) künftig nicht mehr selbst: Diese Aufgabe ist einer neuen Dienstleistungsgesellschaft für Ärzte und Psychotherapeuten, der DÄPN GmbH, übertragen worden. Finanziell sind der KV-Bereitschaftsdienst und die Notaufnahme weiterhin klar getrennt.

60 000 Patienten jährlich

Jährlich kommen 44 000 Patienten in die Notaufnahme des Klinikums, nutzen 16 000 Patienten den Bereitschaftsdienst der KV. An stark frequentierten Wochenenden steuern bis zu 200 Patienten die KV-Sprechstunde an. Künftig dürfte die neue INV damit also das Ziel von 60 000 Patienten werden.