Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Steuererklärung ohne Belege

Veröffentlicht von Tarek Abu Ajamieh am 13.02.2018.

Hildesheim - Spendenquittungen, Bescheinigungen für die Altersvorsorge, die Abrechnung für die Riester-Rente – und wo ist jetzt bloß die Rechnung von Heizungsfachmann hin? Im Frühjahr kämpfen viele Deutsche mit ihrer Steuererklärung – und damit, alle Belege, Nachweise und Dokumente zusammenzusuchen, die sie brauchen, um ihre Ansprüche auf eine Erstattung zu untermauern. Und wenn sie endlich alles abgeschickt haben, schickt das Finanzamt ein paar Wochen später alles zurück, „zu unserer Entlastung“. Und man fragt sich: Sortiere ich das jetzt alles irgendwo ein, oder lass ich’s bleiben?

Doch zumindest mit dieser Schlacht im steten Papierkrieg zwischen Bürgern und Ämtern ist es nun vorbei. „Für die Steuererklärung 2017 müssen Sie erstmals nicht alle Belege zu Ihren Angaben einreichen“, betont Frank Heilmann, Chef es Hildesheimer Finanzamtes. „Sie müssen die nur haben und auf Nachfrage vorlegen können.“ Damit verweist Heilmann auf eine Gesetzesänderung, die viele Bürger gar nicht mehr auf dem Radar haben – die betreffende Regelung wurde bereits Mitte 2016 beschlossen, tritt aber erst jetzt in Kraft. Und sie bedeutet einen fundamentalen Wandel in der Haltung der Steuerbehörden gegenüber den Steuerzahlen. Mussten letztere bislang bis zur Quittung über 7 Euro für Briefmarken alles ans Amt schicken, gilt nun ein gewisses Grundvertrauen, das beiden Seiten Arbeit erspart.

Automatische Prüfung

Was aber nicht heißt, dass das Finanzamt den Bürgern plötzlich alles glaubt: Software-Entwickler haben ausgeklügelte automatische Systeme durchlaufen, die jede Steuererklärung unter die Lupe nehmen. Und nach Kriterien, die die Behörde nicht verrät, auf Plausibilität prüfen. Wird der Computer misstrauisch, schlägt er dem Sachbearbeiter vor, sich Belege zeigen zu lassen. Ein Zufallsgenerator sorgt darüber hinaus dafür, dass letztlich jeder damit rechnen muss, seine Belege doch noch kontrollieren lassen zu müssen. Von einer „Belegvorhaltepflicht“ spricht Heilmann deshalb.

Ob und wie sich das auf die Steuereinnahmen des Staates auswirkt, dürfte in frühestens einem Jahr zu sehen sein. Für das vergangene Jahr verbuchten die Hildesheimer Finanzbeamten jedenfalls Steuereinnahmen in Rekordhöhe. 920 Millionen Euro verwaltete die Behörde, 26 Millionen mehr als 2016. Vor allem bei der Einkommensteuer boomte es: „Wir spüren die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Heilmann. Und es geht weiter: Allein im Januar dieses Jahres seien im Zuständigkeitsbereich des Amtes an der Kaiserstraße – grob dem Landkreis Hildesheim ohne den Altkreis Alfeld – rund 10,5 Millionen Euro mehr Steuern geflossen als im Januar 2017. Wobei es zwar auch landesweit bergauf geht, aber nicht überall. Die Finanzämter in Alfeld und Wolfenbüttel etwa verbuchten 2017 einen Einnahme-Rückgang gegenüber dem Vorjahr.

Verschärfte Kontrollen an anderer Stelle

Doch während das Finanzamt dem normalen Arbeitnehmer Aufwand erspart, müssen andere mit verschärften Kontrollen rechnen. Hinter dem harmlos klingenden Begriff „Kassennachschau“ verbirgt sich das Ziel, Branchen mit hohem Bargeld-Anteil stärker auf die Finger zu sehen. Kneipen, Dönerbuden, Weihnachtsmärkte und andere Betriebe müssen dank eines neuen Gesetzes mit mehr unangemeldeten Kontrollen rechnen, die, sind Kasse und Kassenbuch nicht nachvollziehbar geführt, schnell in eine Betriebsprüfung münden können. „Die Betrugsmöglichkeiten sind in diesem Bereich sehr hoch“, sagt Finanzamts-Vize Lutz Wucherpfennig.

Um ihre Aufgaben auch künftig erfüllen zu können, fährt die Finanzbehörde ihre Ausbildung hoch. Acht Azubis werden im Sommer fertig, 16 neue fangen an, dann kommt das Amt bei 280 Mitarbeitern auf 31 Lehrlinge. „Zur Zeit verabschiede ich jeden Monat einen Kollegen in den Ruhestand, wir brauchen dringend Nachwuchs“, betont Heilmann.

Für die Neulinge wird normal sein, was sich an dem Gebäude in der Kaiserstraße gerade baulich verändert. Heizungskörper, eine neue Glasdecke, eine Wand sollen dafür sorgen, dass es im kalten und zugigen Eingangsbereich der Behörde bald deutlich gemütlicher wird. Denn dort herrscht reger Publikumsverkehr: „Täglich 50 bis 100“ Besucher kommen ins Finanzamt, meist mit Detailfragen zu ihren Steuererklärungen oder zum Beispiel zur Erbschaftssteuer. „Beraten dürfen wir aber nicht, nur Rechtsfragen beantworten“, betont Heilmann.