Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Tabula rasa in Itzum: „Ich mache hier gar nichts mehr“ Wenig Fingerspitzengefühl

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 24.05.2019.

Ärger über abgemähte „Insektenweiden“ / Stadt verteidigt ihr Vorgehen

Von Christian Harborth

Itzum. Gerda Hirche steht auf dem schmalen Grünstreifen vor ihrem Haus in Itzum und hat große Mühe, dass ihr nicht der Kragen platzt. „Hier stand meine orangefarbene Taglilie, daneben eine Rose und Kornblumen“, sagt sie und zeigt auf eine kurz gemähte Wiese, in der nur bei genauerem Hingucken dickere Stängel zu erkennen sind.

Die Stadt hat die Blumen vor einigen Tagen zusammen mit nahezu allen anderen Gräsern und kleineren Pflanzen auf den schmalen Streifen rund um den Hausbergring abgemäht. Nur vereinzelt sind einige kleine Blumeninseln stehengeblieben. Viele der Bewohner sind deshalb verschnupft.

Auch Andreas Löseke und Friedrich-Wilhelm Wolze können das Vorgehen nicht nachvollziehen. Über Jahre hätten sich die Anwohner in Zusammenarbeit mit der Stadt darum bemüht, vor ihren Häusern vielfältige Grünstreifen als Insekten- und Bienenweiden heranwachsen zu lassen. Löseke spricht sogar von Patenschaften, die fast alle der rund 60 Anwohner für die Streifen vor ihren Häusern übernommen hätten.

„Im großen Ganzen waren alle begeistert“, sagt der 76-Jährige. „Auch die Mitarbeiter der Grünpflege, mit denen ich zu tun hatte.“ Dass die Stadt nun ohne Vorwarnung Tabula rasa gemacht habe, macht ihn fassungslos.

Laut Stadt gab es keine Alternative. „Nachdem in 2018 die Blühflächen im Bereich der Baumscheiben Hausbergring aufgrund der fehlenden Niederschläge nur unvollständig ausgetrieben waren, haben unsere Mitarbeiter am 30. März an den Fehlstellen die Blühmischung Cosmos nachgesät“, sagt Stadtsprecher Helge Miethe. Bei einer Kontrolle Ende April sei aber deutlich geworden, dass der Wuchs von Gräsern und anderen Beikräutern im Wachstum die niedrigen Sämlinge bei Weitem überwucherte. „Die Flächen wurden daher einmalig abgemäht, um der aufkommenden Saat mehr Licht zu verschaffen.“

Offizielle Patenschaften, wie von den Anwohnern angeführt, gebe es zudem keine. Zumindest nicht am Hausbergring. „Die Pflege der Baumscheiben obliegt hier nach wie vor dem Bauhof.“ In spätestens zwei Jahren würden sich die Gräser aber wieder durchsetzen, glaubt Miethe. Dann sollen die Stadtmitarbeiter öfter zum Mähen anrücken.

Blühpflanzen würden aber an den Baumstandorten nicht mehr gesät werden. „Durch das zunehmende Gehölzwachstum fehlt die notwendige Feuchtigkeit.“

Auf weitere Unterstützung der Hausbergring-Anwohner wird die Stadt aber wohl künftig verzichten müssen. „Ich bin total verärgert“, sagt Gerda Hirche. „Ich mache hier gar nichts mehr.“

Die Stadt hat seit Jahren große Schwierigkeiten, ihre Grünanlagen in Schuss zu halten. Sie müsste deshalb froh über jeden Bürger sein, der freiwillig dabei hilft, das städtische Grün in Ordnung zu bringen. Denn die Alternativen wären schlecht: Pflegeleichter Rasen, Steingärten oder Wildwuchs allein machen noch kein stimmungsvolles Stadtgrün. Umso verwunderlicher ist es, dass die Stadt die Anwohner des Hausbergrings jetzt mit ihrem Angebot, die Grünstreifen vor ihren Häusern in Tummelplätze für Insekten zu verwandeln, einfach stehenlässt. Damit hat sie – zumindest an dieser Stelle – wenig Fingerspitzengefühl bewiesen. Und gleichzeitig wichtige, ehrenamtliche Helfer bei der künftigen Pflege des Stadtgrüns verloren. Auch wenn die Argumentation aus dem Rathaus durchaus schlüssig ist: Vermutlich hätte es schon gereicht, im Vorfeld mehr mit den Anwohnern zu sprechen. Einfach die Rasenmäher ohne Ankündigung auffahren zu lassen, ist meistens der falsche Weg. An anderer Stelle sollte die Stadt diesen Fehler nicht wiederholen.