Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Taubenfreunde helfen Pechvögeln

Veröffentlicht von Marita Zimmerhof am 15.04.2019.

Hildesheim - Seelenruhig hockt Elvi Antonio Sanchez (40) am Fuß der Jakobikirche, während eine Schar grau-weißer Stadttauben auf der Suche nach Futter um ihn herumtänzelt. Die meisten dieser Vögel sehen fit aus, eine Taube aber humpelt heftig. Und wer genau hinschaut, sieht, dass sich um eines ihrer Füßchen ein stabiler Faden aus Wolle und Lurex geschnürt hat. Sanchez hat dies mit geübtem Blick längst erkannt. Beherzt greift er den Rumpf des Tieres. Da fingert Josefine Betancourt (21) bereits in ihrer Jackentasche und zieht Desinfektionsspray, Jod und eine Schere heraus.

Diese Taube hat noch einmal Glück gehabt: Die Initiative Stadttauben hat sie rechtzeitig entdeckt, ehe sich die Fessel um ihr Bein so fest zugezogen hat, dass sie ihren Fuß verloren hätte. Vorsichtig schneidet Betancourt die Einschnürung auf, dann entlässt Sanchez die Taube wieder in die Freiheit.

Kontaktsuche via Facebook

Erst vor einigen Monaten hat sich die Gruppe Stadttauben in Hildesheim gegründet, in vielen anderen Städten gibt es Vereine, die ein Herz für Stadttauben zeigen, schon länger. Bereits in Celle konnte Betancourt nicht achtlos an verletzten und verschnürten Tieren vorbeigehen. Nachdem sie als Lehramtsstudentin nach Hildesheim gekommen ist, suchte sie über Facebook Gleichgesinnte – und stieß auf offene Ohren.

Gleich ist die Taube von ihrer Fessel befreit: Elvi Antonio Sanchez, Daniela Stank und Josefine Betancourt kümmern sich um das Tier.

Ein, zwei Mal die Woche gehen die Taubenfreunde seither mit suchendem Blick durch die Stadt. Sie kennen die Lieblingsplätze der Tiere, erkennen schnell, wenn ein eingeschnürter Vogel Hilfe braucht.

„Tiere leiden entsetzlich“

„Wenn die Tauben auf der Suche nach Futter über den Boden laufen, bleiben Fäden aus Textilien oder auch Verpackungsmüll an ihren Füßen hängen, die sich dann immer mehr verheddern“, sagt Betancourt. Die Folge: Die Beine der Tauben verstricken sich immer mehr in dem Geflecht, entzünden sich, schließlich sterben wegen Infektionen und Durchblutungsmangels Zehen oder ganze Gliedmaßen ab. „Die Tiere müssen entsetzlich Schmerzen haben“, sagt die Sozialarbeiterin Daniela Stank (33), die sich der Gruppe ebenfalls angeschlossen hat.

Pflegestelle für Pechvögel

Manchen Tauben können die Tierfreunde an Ort und Stelle helfen, einige Tiere aber sind so schwer verletzt, dass sie in Pflegestellen erst wieder aufgepäppelt werden müssen. Einige Passanten finden lobende Worte für die Arbeit der Taubenretter, andere beschimpfen sie lauthals und zornig. „Dass sind doch Ratten der Lüfte! Überall scheißen die hin! Sie sollten sich schämen“, poltert ein silbergrauer Mann, der sich gar nicht mehr beruhigen kann.

Unter anderem Desinfektionsspray und eine Schere sind immer dabei.

„Komisch: Bei Hochzeiten finden es die Leute toll, wenn weiße Tauben aufsteigen – obwohl die in der Natur dann überhaupt keine Überlebenschance haben. Aber hier, in der Stadt, werden sie gehasst, dabei haben sie nicht mehr Keime in sich als andere Vögel auch“, versichert Stank. Stadttauben seien doch nur die Nachkommen von Brieftauben, die nicht mehr in den Schlag der Züchter zurückgefunden hätten.

Taubenhäuser statt Taubenplage

Dass Tauben mancherorts zum Problem werden können, sehen auch die Taubenfreunde. Sie plädieren daher für Taubenhäuser, in denen die Vermehrung durch Eiertausch kontrolliert und somit reduziert werden kann und an denen die Tiere artgerechtes Futter aus Mais, Weizen, Erbsen bekommen. Die breit kleckrigen Hinterlassenschaften seien nämlich „Hungerkot“ als Folge falscher Ernährung beim harten Überlebenskampf in der Stadt.