Hildesheimer Allgemeine Zeitung

TfN lädt ein: Lieblingslektüre in Privathäusern

Veröffentlicht von Martina Prante am 15.05.2019.

Hildesheim - Das idyllisch gelegene Marienrode zählt 60 Einwohner. „Wenn man die Nonnen mitrechnet“, verweist Irv Housinger lächelnd auf das namengebende Kloster. Die Schwestern lassen sich zwar gern mal auf dem Dorffest am Ende der Sackgasse blicken. Aber zur Lesung am 15. Juni im Haus von Housinger und Marion Tiede werden sie wohl nicht kommen, vermutet das Ehepaar.

Schon im vergangenen Jahr haben sich die Kulturfans bei Cornelia Pook als Gastgeber beworben. Die TfN-Dramaturgin hatte damals zu „Literatur in den Häusern unserer Stadt" eingeladen und dafür Menschen gesucht, die ihre Privaträume zur Verfügung stellen. Dort nämlich wollten Mitglieder des Theaters für Niedersachsen ihre Lieblingslektüre vorstellen. „Es hat super funktioniert“, freut sich Pook über die positive Resonanz.

Zu weit weg

Doch so manch ein Bewerber konnte wegen der Entfernung nicht angenommen werden. Deshalb hat Pook dieses Jahr den Radius erweitert. Nun laden zwölf Gastgeber zwischen Bründeln und Bockenem, Elze und Schellerten zu Lesungen in einen alten Gutshof, eine historische Wassermühle, romantische Fachwerkhäuser und schicke Neubauten ein.

Das Haus von Marion Tiede und Irv Housinger ist zwölf Jahre alt und barrierefrei. Marion Tiede sitzt seit einem Unfall vor 31 Jahren im Rollstuhl. Auch mit der Beeinträchtigung hat sie weiter als Postbeamtin gearbeitet, „doch mit der Privatisierung bin ich ausgestiegen“.

Die gebürtige Mainzerin ist mit zehn Jahren nach Hildesheim gekommen. Immer schon habe sie gern getanzt, Theater und Konzerte besucht, erzählt die 55-Jährige am Rand des Teiches, in dem Goldorfe und Kaulquappen herumschwimmen, während sich im Baum Stare lautstark um Kraftfutter streiten („es gibt nicht mehr genügend Insekten“) und Asante um Streicheleinheiten bettelt.

Anerkennung aller Lebenswesen

Die Katze ist eine von drei miauenden Vierbeinern, die das Ehepaar irgendwo gefunden und mitgenommen hat. „Wenn ich eine Religion wählen wollte, wäre es mehr buddhistisch“, sinniert Tiede. „Die Anerkennung aller Lebewesen und Tiere, das kommt meiner Lebensanschauung sehr nahe.“

Den Namen aus der Sprache der Kisuaheli hat Asante, weil Tiede „viel und gern gereist ist, besonders in Afrika“. Die bunten Flaggen im Eingangsbereich stehen für Weltfrieden in verschiedenen Sprachen.

Ihren Mann hat Tiede 1995 bei einem Workshop für DanceAbility – eine Tanzmethode, die Wege für inklusive Zugänge schafft – in Amerika kennen gelernt: „Er hat einen Rollstuhlfahrer begleitet.“ Knapp zwei Jahre später zog sie zu ihm nach Oregon. „Aber es war immer klar, dass wir mit seiner Pensionierung in meine Heimat nach Deutschland zurückkehren“, erinnert sich Tiede.

Brücken abgebrochen

Als sie neun Jahre später Abschied genommen hatte, „bekam ich Heimweh nach der amerikanischen Kultur. Ich hatte nicht realisiert, dass ich mich sehr verändert habe“. Doch da waren die Brücken abgebrochen.

Mitgebracht hatte das Ehepaar unter anderem Playback-Theater, „eine Form des Improtheaters, wo Geschichten aus dem wahren Leben erzählt werden“. Sie habe versucht, diese Spielart in Hildesheim zu etablieren, „aber es hat nicht geklappt“.

Seit zehn Jahren ist Marion Tiede Vorsitzende des Behinderten- und Inklusionsrats der Stadt. Sie hat ein Premierenabo für das TfN, besucht Konzerte – zum Beispiel in der Elbphilharmonie („umwerfend!“) –, tanzt in Hannover Jazzdance und Ballett, hat mit ihrem Mann Rollstuhl-Basketball entdeckt. Und liebt – wenn die Zeit bleibt – die Theaterschnupperkurse im TfN: „Ich lerne viel über das Stück und seine Geschichte.“ Und dann kann sie noch selber auf der Bühne stehen, was ihr sehr viel Spaß macht.

Junggesellenparty

Am 15. Juni allerdings steht das Haus im Fokus, beziehungsweise der zentrale Wohnraum – oder bei gutem Wetter die Terrasse am Teich. „Wir haben gern Gäste“, erzählt Marion Tiede von einem Junggesellenabschied, der nach einer Schnitzeljagd mit 40 Leuten bei ihnen im Haus geendet ist: „Wir kannten nur das Brautpaar“, amüsiert sich die Hausherrin.

Zur einstündigen Lesung will das Ehepaar Getränke wie Wasser, Wein und Schampus und etwas Gebackenes wie eine Quiche bereit halten. Gewünscht haben sie sich Tonio Schneider, weil sie den Schauspieler als Schweizerkas in der „großartigen Inszenierung“ von Brechts „Mutter Courage“ im TfN „so toll“ fanden. Und dann war da noch der Titel der römischen Novelle, die Schneider liest: „,Natura Morta’ – das finden wir spannend.“

Karten für 9 Euro gibt es im Stadttheater. Die genaue Zieladresse der Lesung erfährt der Gast beim Kauf der Eintrittskarte. Weitere Infos unter 16 93 16 93.