Hildesheimer Allgemeine Zeitung

TfN: Sex ist die Wurzel allen Übels

Veröffentlicht von Martina Prante am 08.09.2018.

Hildesheim - Heiter soll es zum Auftakt der 12. Saison im Theater für Niedersachsen mal wieder werden. Um eine fluffig rasante Boulevardkomödie zu finden, ist man bis weit in die Vergangenheit zurückgegangen. Immerhin war „Auf und davon“ 1972 das meist gespielte Theaterstück in ganz Europa, wie das Programmheft stolz verkündet.

Seit der Uraufführung 1969 in London sind 49 Jahre vergangen. Dementsprechend dick ist die Staubschicht, die auf Inhalt und Witz liegt. Regisseur Axel Stöcker nimmt die Herausforderung an und bietet in flottem Tempo mit seinen gewollt exaltiert aufspielenden fünf Darstellern zwischen zwei klappenden Türen und zwei klingelnden Telefonen, was das Publikum erwarten darf: Slapstick und Klamauk.

Hosen runter

Mit dem Kopf vor die Tür donnern, unter dem Sofa lang robben, den Brandy nach alter Freddie-Frinton-Manier gleich aus der Vase trinken bis zu runter gelassenen Hosen: Wer gekommen ist, um sich – ohne weitere Ansprüche – auf diese Weise unterhalten zu lassen, der könnte auf seine Kosten kommen. Bei der Premiere Freitagabend im Stadttheater wird auch befreit gelacht. Und der Beifall ist lang und freundlich.

Im Jahre 2018 bergen orange-gelb-braune Kullertapeten, Schlaghosen, Puffärmel, Pilzköpfe (Ausstattung Leonore Pilz) und Musik von Saturday Night Fever bis zu Lynn Andersons „Rose Garden“ in sich schon nostalgischen Witz. Genau diese ästhetischen Mittel setzt Regisseur Axel Stöcker in der Gauner-Schmonzette des australischen Autors Peter Yeldham ein, um sein Publikum von der ersten Minute an in eine Ära zu beamen, in der in Folge der weltweiten 68-er-Revolution Kapitalismus am Pranger stand, Frauen sich zu emanzipieren begannen und Sex freizügiger gehandhabt wurde.

Frauen an die Macht

In diesem Fall sind Elizabeth (Lilli Meinhardt) und Josephine (Angelina Berger) also ein ausgebufftes Frauenduo, das dämlichen Männern rund um die Welt tränen- und trickreich in Hotelzimmern die Schecks aus dem Portemonnaie heult. Ihren Meister – beruflich und erotisch – finden beide in Charlie (Gotthard Hauschild). Es beginnt ein Hase- und Igel-Spiel unter dem Motto „Sex ist die Wurzel allen Übels“.

Während sich die drei Hauptdarsteller gekonnt energetisch und überkandidelt durch viel Text und verwirrende „Krimi“-Handlung arbeiten, setzt Regisseur Stöcker noch zwei Joker ein. Mit einer Vielzahl an Perücken und genau so vielen – wohl absichtlich schlechten – Akzent-Varianten verwandelt sich Michaela Allendorf in Zimmermädchen: mal mannstoll, mal betrunken. Martin Schwartengräber ist mal der Lover, mal ein trotteliger Engländer oder ein japanischer Polizist. Und beide haben die Lacher immer auf ihrer Seite.

Keiner muss gehen

Stöcker und seine Darsteller haben das Beste rausgeholt, was aus solch einer Flachware rauszuholen ist. So dass man am Ende den Komödientitel „Auf und Davon“ nicht als Aufforderung verstehen muss, das Theater vorzeitig zu verlassen. Aber man könnte.

Die nächsten Vorstellungen sind in diesem Monat am 18., 23. und 28. September. Karten zwischen 9 und 27 Euro im TicketShop der HAZ in der Rathausstraße, im Stadttheater und unter 16 93 16 93.