Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Trinkerszene: Die Brennpunkte verlagern sich

Veröffentlicht von Renate Klink am 10.09.2019.

Hildesheim - Er kennt die Brennpunkte alle: Seit sechs Jahren ist Streetworker Norbert Schulz in der Hildesheimer Innenstadt unterwegs, um sich um Menschen zu kümmern, die dem Trinkermilieu angehören. „Alles sehr entspannt“, sagt der Sozialarbeiter, der die Brennpunkte alle kennt. Seit sechs Jahren macht der 60-Jährige diesen Job – zusammen mit seinem Kollegen Sascha Kirchner. Das positive Fazit liege auch daran, dass die Stadt im Gegensatz zu anderen Kommunen sehr gut mit Beratungs- und Anlaufangeboten aufgestellt sei: die Vinzenzpforte in der Neuen Straße, die Ambulante Hilfe in der Hannoverschen Straße sowie die Herberge zur Heimat und der Lobby in der Gartenstraße sowie das gerade eröffnete Café Hotspot in der Bischof-Janssen-Straße. Auch die Polizei und Anwohner äußern sich – teilweise aber abweichend zu dem Eindruck des Streetworkers.

Wallstraße

Die Wallstraße ist jahrelang ein Haupttreffpunkt gewesen – sehr zum Ärger der Anwohner und Geschäftsleute. Mittlerweile treffen sich bei den Betonkübeln nur noch vier Personen, sagt Streetworker Schulz. Das Quartett bleibe etwa von 8 bis 11 Uhr, sei anschließend verschwunden. Beschwerden gebe es immer noch, seien aber deutlich weniger geworden. Ein Geschäftsmann aus der Nachbarschaft berichtet hingegen von gleichbleibend störenden Szenerien: Täglich würden Gruppen in unterschiedlichen Größen trinken und auch Lärm machen. Hin und wieder würden auch Rettungswagen im Einsatz sein, weil Betrunkene zusammengebrochen seien. Häufiger gebe es lauten Streit und Pöbeleien innerhalb der Gruppe.

Jakobikirche

Der Szene von der Jakobikirche hat sich ein Mitarbeiter von der Drogenberatungsstelle (Drobs) besonders gewidmet. Zweimal in der Woche macht er Angebote, die die Bereiche Naturschutz und Umwelt betreffen. „Mit gutem Erfolg“, sagt der Streetworker. Die Zeiten, als sich die Szene rund um die Kirchetummelte, sei längst vorbei. Entscheidend für den Rückgang sei wohl auch gewesen, dass auf Initiative des Literaturhauses und der Kirchengemeinde im Frühjahr die langen Holzbänke an der Kirche abgebaut worden sind, weil sich ringsherum immer mehr Müll und Dreck angesammelt hatte.

Hauptbahnhof

„Mittlerweile umfasst die Problemszene am Hauptbahnhof rund 10 bis 15 Personen“, sagt Polizeihauptkommissar Martin Ackert von der Bundespolizei. Weitere Personen kommen oft noch dazu. Der Sprecher bestätigt, dass es fast täglich zu Einsätzen kommt. „Die Personen sind unter Alkoholeinfluss häufig aggressiv, betteln, pöbeln und halten sich nicht an Hausverbote.“ Ackert betont, dass im Vergleich zu Bahnhöfen in Braunschweig und Göttingen die Anzahl der Vorfälle in Hildesheim signifikant zugenommen habe. Er hält eine noch „intensivere Koordination der Bemühungen aller Sicherheitspartner“ für wünschenswert.

Steingrube

„Die meisten Beschwerden gibt es von der Steingrube“, sagt Streetworker Schulz. Hier fühlen sich viele durch Lärm, Dreck und freilaufende Hunde gestört. Aber: In der Steingrube treffen sehr viele unterschiedliche Gruppen zusammen – Anwohner, Studenten, Familien auf dem Kinderspielplatz und eben auch Leute aus der Trinkerszene. „Die Glasscherben kommen bestimmt nicht von denen, die sammeln ihre Flaschen und Dosen ein – für den Pfand“, betont der 60-Jährige. Ihm ist auch wichtig zu sagen, dass die meisten freundliche und zugängliche Menschen seien. Stadtsprecher Helge Miethe sagt, dass der Ordnungsdienst die Steingrube besonders im Fokus habe. „Wir sind dort präsent.“

Sedanstraße

Von einer deutlichen Entspannung an der Sedanstraße spricht ein 54-jähriger Anwohner, der sich 2013 in einem offenen Brief bei der Stadt über die Zustände beschwert hatte. „Damals standen an dem Denkmalsockel Massen, bestimmt so um die 30 Personen – nicht selten regelrechte Exzesse.“, erinnert er sich. Nachdem der Kiosk dort geschlossen hatte, habe sich die Szene in die Steingrube verlagert. Während der Umbauarbeiten seien manche Szenegänger vorübergehend zurück in die Sedanstraße gekommen, aber längst nicht mehr so viele. „Seit der Einweihung der Steingrube im August ist es hier größtenteils wieder ruhig.“

Andreasplatz

Noch ein nicht so alteingesessener Treffpunkt ist die Brücke zur Andreaspassage am Andreasplatz. „Hier kommt es immer wieder zu Einsätzen, beispielsweise wegen Ruhestörung oder auch Körperverletzungen“, sagt Polizeisprecherin Kristin Möller. Aber auch Steingrube, Wallstraße und Bahnhof seien Treffpunkte, zu denen die Beamten hin und wieder gerufen werden. Das bestätigt die Sprecherin nach Rücksprache mit der Innenstadtwache. Grundsätzlich sei es aber nicht verboten, draußen zu sitzen und Alkohol zu trinken. „Wir verfolgen konsequent jede Ordnungswidrigkeit und Straftat, schlüsseln jetzt aber nicht extra auf, ob jemand aus der Trinkerszene beteiligt ist.“ Deswegen gebe es auch keine konkreten Zahlen.

Luther-Kirche in der Nordstadt

Unterschiedlich frequentiert sei der Treffpunkt an der Kreuzung Martin-Luther-Kirche, sagt Streetworker Norbert Schulz. Gerade in den Sommermonaten sei der Platz beliebt. Auch der nahe gelegene Kiosk ziehe die Trinkerszene an. „Beschwerden habe ich weder vom Kindergarten noch von der Kirchengemeinde gehört.“