Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Uni Hildesheim will Städte ökologischer machen

Veröffentlicht von Norbert Mierzowsky am 10.07.2018.

Hildesheim - Wie grün ist eigentlich Hildesheim? Und wie wird die Stadt mit dem Klimawandel fertig? Mit diesen zwei Fragen beschäftigen sich nächste Woche 30 internationale Nachwuchswissenschaftler und wollen auch eine Antwort geben. Eingeladen zu dem ehrgeizigen Projekt hat sie Martin Sauerwein, Professor an der Universität Hildesheim und zuständig für den Umweltstudiengang. Vom nächsten Montag an werden kleine Teams durch ausgewählte Stadtteile streifen und die Grünflächen akribisch notieren, inklusive Baum- und Straucharten, Größe der Bäume, aber auch der versiegelten Flächen.

„Natürlich nutzen wir auch Satellitenkarten wie von Google Maps“, sagt Sauerwein. Doch darauf könne man eben keine Bäume bestimmen. Und das spielt eben auch eine große Rolle. Denn je nach Art können die deutlich besser auf den erwarteten Temperaturanstieg reagieren, der mit dem Klimawandel einhergehen wird. „Es wird zwar noch ein bis zwei Generationen dauern, bis wir in Hildesheim ein Klima wie in Rom haben, aber es wird kommen“, ist Sauerwein überzeugt.

Städte heizen sich stärker auf

Klar sei es politisch möglich, den Temperaturanstieg weltweit durch geeignete Maßnahmen zu bremsen. Theoretisch zumindest: „Pragmatisch sollten wir uns auch mit der Frage beschäftigen, wie wir damit fertig werden können.“ Und mit wir meint er vor allem die Stadtbevölkerung. Denn dort sind die lokalen Temperaturen stets höher als im ländlichen Raum. Das liegt zum einen am Wärmeeffekt durch das hohe Verkehrsaufkommen und zum anderen durch die Abstrahlhitze von Gebäudehüllen als zusätzliche Effekte.

„Wir haben zwei Möglichkeiten, um gegenzusteuern“, sagt Sauerwein. Technisch, indem zum Beispiel der Öffentliche Nahverkehr künftig dominiert und Verbrennungsmotoren durch E-Antriebe ersetzt werden. Doch das sieht der Professor eher im Bereich der Utopie verortet. Die zweite Möglichkeit ist biologischer Natur, sagt er und zählt auf: Straßenalleen, weniger Flächenversiegelung, Parks, Flachdächer- und Fassadenbegrünung. „Bäume sorgen durch ihre Blätterdächer für eine Auskühlung“, erläutert er. Das sei auch der Grund gewesen, weswegen bereits in früheren Jahrhunderten Städteplaner auf Alleen und Parks gesetzt haben: „Es ging nicht allein um Schönheit, sondern um den Kühleffekt von Vegetation.“ Natur als biologische Klimaanlage.

Umwelttechnik als Wirtschaftsmotor

Die Summer School vereinigt 30 Spezialisten für Stadtökologie aus ganz Europa und China. „Alle Länder haben das gleiche Problem, aber auch andere Lösungsansätze“, sagt Sauerwein. Und auch Hildesheim ist nicht einfach nur eine Stadt. Sie besteht aus unterschiedlichen Stadtzonen. Deswegen nehmen die Forscher bei ihren Rundgängen zum Beispiel die Nordstadt, Wohngebiete in Itzum, die Neustadt und andere Siedlungsformen ins Visier. Um dabei zum Beispiel in Innenhöfe zu kommen, werden die Wissenschaftler auch mal an Haustüren klingeln müssen und um Einlass bitten, kündigt Sauerwein an.

Auch wenn er möglicherweise eher pessimistisch klingt, wenn man ihn auf die Politik und den Klimawandel anspricht, ist er zuversichtlich, dass junge Menschen ökologisch aktiver werden: „Die Umwelttechnik wird einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Zukunft sein.“ Dazu müssten eben auch ökologische Potenziale ausgelotet werden können. Hildesheim dient dem internationalen Team nun als Modellbeispiel, an dem sich andere Städte orientieren können.