Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Verrückt: die knallbunte Gothic-Szene

Veröffentlicht von Viktoria Hübner am 11.08.2019.

Hildesheim - Familiär und friedlich – so beschreiben Festivalbesucher das M’era Luna. Doch wenn Gothic-Fans aus aller Welt im Mittelalterstädtchen Hildesheim zusammenkommen, geht es auch um Sehen und gesehen werden.

„Endlich normale Leute“

„Endlich mal normale Leute!“ Für Patricia Comanns (44) aus Solingen ist das der Grund, warum sie bereits zum 16. Mal beim M’era-Luna mit dabei ist. „Man ist unter seinesgleichen, die Stimmung ist familiär“, schwärmt sie und Ehemann Torsten (38) nickt zustimmend. Er kommt immerhin auf bislang 15 Besuche. Für jeden Tag schlüpft Patricia in ein neues, aufwendige Outfit. Für diesen Tag hat sie sich vom Folkstil inspirieren lassen, den Kopfschmuck mit Hörnern mit ihrer Freundin vom Shop abARTig schon vor einem Jahr entwickelt. Nach M’era-Luna ist eben vor M’era-Luna.

Düster-blutig

Haute Couture der düsteren Art zeigt Anja Garben aus der Nähe von Hamburg. Elfengleich in ihrem weißen Tutu bewegt sich die 36-Jährige über das Gelände, wäre da nicht diese verstörende Menge an Kunstblut, die sie von Kopf bis Fuß bedeckt. „Das Festival ist wie ein Urlaub von sich selbst“, sagt Anja, die im wahren Leben in der Personalbranche, aber auch als Fotografin, arbeitet. „Auffallen ist natürlich Teil der Chose“, sagt sie augenzwinkernd. Das Schock-Outfit trägt sie aber nur am Samstag. Sonntag war es dann „elegant und floral“ sein.

Alice im Wilden Westen

Ein bisschen „Alice im Wunderland“, ein bisschen „Wild Wild West“, garniert mit schillernden Seifenblasen: Britta Morais (57), Christina Schröder (38) und Tom Kierstein (42) aus Hamm leben jeder für sich ihre Persönlichkeit aus. „Das geilste Festival überhaupt“, sagt Christina Schröder enthusiastisch. „Es ist wie ein Familienfest und alles läuft gesittet ab.“ 2013 war die Westfälin, die in ihrem Kostüm wie der Entwurf einer Flugmaschine von Leonardo da Vinci anmutet, das erste Mal auf dem M’era-Luna-Gelände. Bei jedem Besuch stylt sie sich anders. „Im Winter ist bei uns Hauptbastelzeit.“

Trauung für 24 Stunden

Das erste Mal auf dem M’era-Luna und prompt verheiratet: Bei Bruder Ignatius haben sich Lorena Müller (33) und Michael Schloß (33) aus München das Ja-Wort gegeben – zumindest für 24 Stunden. Denn: „Prüfe wer sich ewig bindet.“ Bruder Ignatius aus Leipzig ist übrigens schon seit 2003 im Namen des Herrn unterwegs. Wenn er nicht in Sachen Liebe macht, erteilt er mit gleicher Hingabe allen Sündern Absolution. Ablassbriefe gibt es unter anderem bei Hexerei, Wollust oder Falschparken. In diesem Sinne: Pax Vobiscum!

Die Crew

Zur Crew vom M’era Luna gehören Menschen mit Behinderungen. Die Männer und Frauen vom proTeam, einer Tochtergesellschaft der Diakonie Himmelsthür, kümmern sich in zwei Schichten vor allem auf dem Campingplatz um das Thema Müllentsorgung. Auf ihren orangenen Arbeitswesten steht auf dem Rücken das Motto des Projekts: „Mittendrin“...

Airbrush-Tattoos

40 nackte Männerhintern pro Tag muss Murad Mbarki mit Mickey Mouse, Schalke 04-Emblem oder Hello Kitty verschönern. Der 51-Jährige, der in Haltern am See lebt, arbeitet als Airbrusher, sprüht also auf die Körper der Festivalbesucher mit schwarzer Farbe wieder abwaschbare Tattoos. Auf dem M’era Luna ist er das erste Mal – und kommt 2020 wieder.

Dabei seit „Zillo“-Zeiten

„Die Szene in Köln wird immer kleiner“, bedauert Kirsten Auferkorte. Die Partys dort seien in den vergangenen 15 Jahren eingeschlafen. Deshalb kommt die 49-Jährige auch so gerne zum M’era-Luna; die vergangenen Jahre noch mit Freund, nach der Trennung aber das erste Mal alleine. „Das ist wie ein Kurzurlaub.“ Kirsten Auferkorte kennt noch die Zillo-Festival-Zeiten. Das Line-Up beim M’era-Luna ist zwar nicht jedes Jahr so ihr Ding – „Ich bin eher elektronisch unterwegs“, sagt sie –, dafür freut sie sich auf den Headliner, die Gothic-Band ASP.

Eintauchen in die Atmosphäre und in den Badezuber

Wortwörtlich ein Bad in der Menge nehmen Melanie Kassing (42), Tochter Lana nebst Freund Niklas Nitta (beide 19) aus Sibbesse. In einem dampfenden Zuber und wie Gott sie schuf haben es sich die Drei bequem gemacht und beobachten das Treiben auf dem Mittelaltermarkt. Melanie Kassing lobt die „große Toleranz und Weltoffenheit“ der Festival-Besucher. „Man kann anziehen, was gefällt und kriegt nicht gleich Kritik.“ Badehaus-Betreiber Rufus Raban ist mit seinem „Lavabrum Luxurium“ das erste Mal auf dem M’era-Luna, sonst tummelt sich sein Team eher auf Mittelaltermärkten. „Die Resonanz ist überwältigend“, berichtet Rufus Raban. Bereits vier Wochen vorher waren die Hälfte der Termine online gebucht, die andere Hälfte nach nur wenigen Stunden.

Partystimmung mit Knochenschmuck

Laura Sofie Rubisch (rechts) ist in Partystimmung, feiert die Hildesheimerin am Samstag doch ihren 24. Geburtstag auf dem M’era-Luna. Als Elfjährige war sie das erste Mal dort, hat seitdem keinen Termin geschwänzt: „Ich bin in der Szene aufgewachsen“, sagt sie. Kein Wunder, dass sie so viele Gesichter kennt. Laura gefällt, dass „man hier nicht angestarrt wird“. Von der Musik, den Menschen ist auch Giulia Heyn (22) aus Leipzig angetan – und als „Kirsche on top“ fühlt es sich zudem noch „wie zuhause“ an. Auch sie gehört seit acht Jahren zu den blassen Szenegängern. Klar würde sie auch zu einem Helene-Fischer-Konzert gehen – „Spaß kann man überall haben“, sagt sie – aber M’era Luna ist schon was Besonderes.

Einmal raus aus’m Dorf

Eine Figur, da könnte manche Frau neidisch werden: Matthias Streitz, der aus einem kleinen Dorf in Dithmarschen kommt, reist seit zehn Jahren an. „Fast ausschließlich geile Mucke, für jeden was dabei“, zählt er auf, was ihn immer wieder hierher zieht. Einmal im Jahr könne man so sein, wie man ist. In seinem Outfit durchs Ländliche zu stöckeln, sei da eher schwierig, sagt der 57-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln. Müsste er das M’era Luna in einem Wort zusammenfassen, wäre seine Antwort: „Knuffig“.