Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Einstige Harsumer Sportlerdomäne wird abgerissen

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 13.08.2019.

Harsum - Der Saalbau Brönnecke am Morgenstern in Harsum ist dem Erdboden gleichgemacht worden. Der Bau war einst Heimstadt für den regionalen Tischtennissport und seine bemerkenswerte Geschichte. Alle Räume von dem an der Straße liegenden Gebäude sind inzwischen restlos entkernt, die Fenster und Türen ausgebaut. Vermutlich will auf dem Gelände ein Investor Wohnungen bauen.

Der Gasthaussaal war kultureller Mittelpunkt Harsums und Schauplatz vieler Darbietungen und Veranstaltungen. Dorf- und Erntefeste, Tanzabende, Maskenbälle und Stiftungsfeste der Vereine, Konzerte, Rekruten-Abschiedsfeiern, Wahlkampf-, Kino- und Theatervorstellungen, Ratssitzungen, Schauturnen vom MTV und eine Tanzschule hatten hier ihren Platz.

Sonderurlaub fürs Turnen

Unter der Regie der drei Brönnecke-Geschwister Heinrich (Jahrgang 1890), Maria und Helene hatte diese Gaststätte Konjunktur. Von 1900 bis 1923 führte die Familie in Räumen des Gebäudes einen Käsereibetrieb mit 30 Beschäftigten. Im näheren Umfeld Harsum-Ost existierten damals noch 14 weitere Käsereien. Gastwirt Heinrich Brönnecke war zudem Turnwart im MTV, Initiator und Geldgeber des Ehrenmals für die Gefallenen, mittlerweile postiert vor dem Klubhaus am Wiesling.

Als begabter Kunstturner aus den Reihen des MTV bekam Heinrich Brönnecke beim Militär Sonderurlaub, weil er am Hochreck die Riesenfelgen mit Sturmgepäck auf dem Rücken zigfach meisterte. Im Laufe der letzten Jahrzehnte führte die Gaststätte die Namen Bistro-Kneipe „Kajott“ und „Osten Lene´s Live-Treff“. Als Wirt fungierte Karl-Heinz Jankovic.

Tischtennisspieler erfolgreich

Im Saal begann in den letzten Kriegsjahren die große Harsumer Tischtennis-Ära der sechs Schuljungen Konrad und Theodor Dettmer, Klaus und Clemens Willke, Heinz Kaune und Heinz Lobes. Die trainierten aus Zeitvertreib in Brönneckes Saal mit den Soldaten des dort stationierten Luftwaffengeschwaders an den Platten jeden Tag. Nur wenige Jahre später trat hier bereits die Weltelite an. Von 1947 an richtete der TTCH seine ersten Pokalturniere durch. Die besten europäischen Nationalmannschaften sowie eine Menge deutscher und internationaler Meister gastierten hier. Mit Martha Behrens, Franziska „Tidda“ Henze, Klaus Willke, Konrad Dettmer und dem Youngster Franz-Josef Wedig als Europa-Juniorenmeister hatte der TTCH seine stärksten Asse. Der TTC Blau-Weiß spielte in Deutschlands höchster Spielklasse bei den Damen und bei den Herren.

Auch die anderen drei Harsumer Gasthaus-Säle Niemann-Baule mit Kino-Betrieb und Kegelbahn, Ingelmann mit Kegelbahn und Pagel, als Gasthaus Germania bekannt, waren Teil der Dorfgeschichte. Doch Brönneckes Gasthaus war der Sportlertreff, auch als Vereinslokal des MTV Harsum. Im Saal wurde in den 1950ern geturnt, mit Sprossenwänden bestückt und mit einer Bühne für Schauturnen und Chor-Festivals.

Weltelite zu Gast in Harsum

Die Sport-Weltelite mit den französischen Tischtennis-Weltranglistenspielern Roothoft, Lanskoy und Haguenauer, Nationalteams der Tschechoslowakei mit den Weltmeistern Stipek und Andreadis sowie weiteren Assen aus Portugal, Schweden, Holland sowie die europäischen Auswahlmannschaften aus Paris, Norrköping, Barcelona, Stockholm und Schweden begeisterten die Zuschauer im stets prall gefüllten Saal. Höhepunkt war der Länderkampf gegen die Vereinigten Staaten. Sternenbanner neben Bundesfahne, mit großem Jubel empfangene Akteure.

Die beiden Clubzimmer gegenüber der Gaststube zierten Wimpel von Nationen und bekannten Vereinen, 50 an der Zahl. Außerdem verwaltete der Gastwirt Heinrich Brönnecke in einem eigens dafür reservierten Schrank aus Eiche rund 70 wertvolle Pokale aus aller Welt mit interessanten Prägungen, alles echte Juwelen. Nach seinem Tode am Silvestertag 1960 reduzierte sich die Zahl dieser hochkarätigen Exponate drastisch.