Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Waldohreulen bestehlen in Itzum Elsternpaar

Veröffentlicht von Marita Zimmerhof am 13.08.2019.

Hildesheim - Das hatte sich das Elsternpaar so schön gedacht: In der Spitze einer hohen Kiefer in Itzum wollte es seinen Nachwuchs aufziehen. Eifrig schafften beide Vögel dünne Zweiglein heran, um sie kunstvoll zu einer Halbkugel zusammenzustecken. Einen tollen Platz hatten die schwarz-weißen Rabenvögel da gefunden, mit weitem Blick über die Innerste-Aue – und dennoch mitten in einer Wohngegend, wo es im Umfeld der Menschen vielleicht den ein oder anderen Brocken Fressbares zu finden gäbe.

Doch die Elstern, deren Ruf als Diebe gerade sprichwörtlich ist, hatten sich zu früh gefreut: Eines schönen Tages im zeitigen Frühjahr tauchte ein Waldohreulen-Paar auf und machte ihnen ihr Nest streitig. Ohreulen verdanken ihren Namen zwei schmückenden Federbüscheln an genau der Stelle, an der Säugetiere ihre Ohrmuscheln haben. Bei den Vögeln haben die Federohren keine Funktion: Zur Verstärkung der Hörleistung dient Waldohreulen vielmehr der auffällige Gesichtsschleier.

Tierfreunde durch und durch

r gewöhnlich suchen sich die Alttiere verlassene Nester von Greifvögeln und Krähen als Nistmulde. Diese beiden aber okkupierten kurzerhand das nagelneue Elsternnest. Und begannen bald danach mit ihrem Brutgeschäft.

Ihr Tun blieb nicht unbeobachtet: Andrea Kock und Peter Vindevogel leben in einer Dachgeschosswohnung im Dahlenstieg – und haben das heiß umkämpfte Nest nur wenige Meter entfernt genau auf Augenhöhe vor sich. Beide sind Tierfreunde durch und durch. Zum Haushalt gehören drei Katzen, ein Hund, ein aufgepäppeltes Wildkaninchen, das als Spielkameraden ein Zwergkaninchen hat. Im Garten füttern sie ganzjährig Igel – „die finden bei der Trockenheit ja nichts“ – und Vögel – „Sie glauben gar nicht, wie viele Arten wir hier haben.“

Eulenmutter hütet ihre Jungen

Das Paar hat mehrfach Jungvögel aufgezogen, die aus dem Nest gefallen waren. Vielleicht haben die Waldohreulen geahnt, dass sie hier auf eine wohlwollende Nachbarschaft stoßen. Vom Fernsehprogramm haben Kock und Vindevogel in diesem Sommer jedenfalls nicht viel mitbekommen: Ihre Live-Show lief in der Kiefer. Sie beobachteten, wie nach drei Wochen aus den Eiern drei kleine Eulen schlüpften, flaumige Knäule, die mit hellen Pieptönen ihre Eltern um Futter anbettelten. „Unsere Funkwecker“, sagt Vindevogel wegen der Ähnlichkeit der Töne und lacht.

Die Eulenmutter hütete ihre Jungen vorbildlich, verließ das Nest nur selten. Der Vater scannte von einem Nachbarbaum aus die Umgebung auf potenzielle Feinde. „Seine Warnrufe klangen wie das Bellen eines kleinen Hundes.“

Nahrung aus der Innerste-Aue

In der nahen Innerste-Aue fand das Waldohreulenmännchen offenbar auch ausreichend Nahrung für seine kleine Familie: Dieses Jahr ist ein gutes Mäusejahr. Alle drei Küken kamen durch. Und nach den ersten unbeholfenen Flugversuchen sind die drei Ästlinge inzwischen in der Lage, selbst kleine Runden durch die Gärten zu drehen. Aktiv werden die Eulen erst nach Einbruch der Dämmerung. Tagsüber dösen sie auf einem Zweig, doch sobald die Sonne untergeht, werden die Vögel hellwach.

Ihren scharfen Augen und feinen Ohren entgeht keine Maus. Nahezu geräuschlos erheben sie sich in die Luft. Obwohl ausgewachsene Tiere nur um die 300 Gramm wiegen, haben sie eine Flügelspannweite von einem knappen Meter. Und Krallen scharf wie Dolche. Von den bestohlenen Elstern haben Kock und Vindevogel jedenfalls nie wieder etwas gesehen.