Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Was Heyersum und Hannover verbindet

Veröffentlicht von Alexander Raths am 15.05.2019.

Heyersum/Hannover - Die Jesus-Gemälde sind mehr als 100 Jahre alt und haben einen besonderen Charakter. Im Hintergrund ist eine düstere Landschaft mit einem Höhenzug zu sehen – symbolisch für den Tod. Im Vordergrund blickt Jesus in Richtung des Betrachters, sein Fuß ruht auf einer blühenden Wiese – ein Motiv der Auferstehung. So sehen die beiden Gemälde des einst viel beschäftigten Kirchenmalers Oscar Wichtendahl aus. Das eine hängt in der St. Mauritiuskirche in Heyersum, das andere in der Markuskirche in Hannover, um die Ecke liegt der Lister Platz. Die Bilder verbinden das 900-Seelen-Dorf Heyersum mit der Großstadt. Geschaffen von demselben Mann um 1900, der in Hannover und auf der Saline in Heyersum lebte. Und dort ist man schon ein bisschen stolz auf das Werk. Den Zusammenhang der Gemälde hat die Kunsthistorikerin Anne Kehrbaum herausgefunden. Sie meldete sich in Heyersum, wo auch Ortsheimatpfleger Karl-Heinz Brandes die Geschichte der Bilder und des Malers recherchierte.

Das wuchtige Gegenstück

„Jesus über Heyersum“ – so lautet der Name des Bildes in der St. Mauritiuskirche, das eher unauffällig wirkt. Im Gegensatz zu dem wuchtigen, annähernd zwei Meter hohen und breiten Pendant in der Markuskirche mit üppig und vielen Details verzierten Holzrahmen.

„Ich mag unser Bild in Heyersum. Denn wenn ich es ansehe, denke ich: ,Jesus winkt mir zu. Das tut mir dann gut“, sagt Pastor Bernd Ulrich Rüter.

„Der Künstler Wichtendahl hat das Heyersumer Bild etwa zur Jahrhundertwende 1899/1900 gemalt und der Kirchengemeinde 1900 überlassen“, berichtet Brandes. „Das Werk wurde von der evangelischen Landeskirche inventarisiert. Das Gemälde mit Rahmen ist sehr gut erhalten.“ Für Brandes steht fest, dass die Gemälde in einem direkten Bezug zueinanderstehen.

Wichtendahl stammte laut Brandes aus Hannover und stand dem damaligen Königshaus nahe. Er wird als „Konservator der Kunstsammlung des Gesamthauses Braunschweig-Lüneburg“ bezeichnet. Was sich hinter diesem Titel verbirgt, lässt sich letztendlich nicht aufklären, meint Brandes.

im Sommer auf der Saline

Tatsächlich hat Wichtendahl um 1900 die Saline in Heyersum gekauft. Damalige Besitzer waren die Erben Witte, sie gehörten zur Familie Witte, aus der der Erbauer der Marienburg stammt, berichtet Brandes weiter. Wichtendahl hat die Gartenanlage um die Saline herum künstlerisch neu gestaltet. Sein Lebensmittelpunkt war bis zu seinem Tode immer die Stadt Hannover. Die Saline hat er, wie auch seine Erben später, lediglich im Sommerhalbjahr bewohnt.

Mit großer Wahrscheinlichkeit sind beide Bilder in Heyersum entstanden, erläutert Brandes. Die Geländekontur im Hintergrund entspricht dem Blick vom Heyersumer Wald/Saline in Richtung Osterwald und Ith. Deutlich wird dieses im Altarbild in Hannover, das nahezu identisch die stark abfallende Geländekontur des Ith zeigt – das fällt beim Betrachten gleich auf. Der Künstler hat das Motiv für die beiden Kirchen kaum variiert.

Das Probeexemplar

Zum Zeitpunkt der Schenkung hatte die Kirche in Heyersum einen barocken Altar, der praktisch keine Möglichkeit der Unterbringung eines Altarbildes bot. „Der Platz neben der Orgel ist wahrscheinlich gewählt worden, weil weder im Kirchenschiff noch im Altarraum eine Möglichkeit bestand, das Bild aufzuhängen“, erklärt Brandes. Laut Überlieferung soll der Platz auch von Wichtendahl festgelegt worden sein. Bei der Heyersumer Darstellung dürfte es sich um ein Probeexemplar handeln, das als Vorlage für das spätere Altarbild der Markuskirche in Hannover diente. Signaturen oder Daten wurden auf dem Bild in Heyersum nicht gefunden. Die Herkunft lässt sich aber dokumentieren, und zweifelsfrei ist der Maler des Bildes in Heyersum Oscar Wichtendahl.