Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Was macht einen Menschen zum Brandstifter?

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 10.07.2018.

Hildesheim - Ein Feuerwehrmann aus Drispenstedt hat eingeräumt, diverse Brände gelegt zu haben – doch möglicherweise gibt es noch weitere Täter. Geltungsbedürfnis, Nervenkitzel, Langeweile – was sind die häufigsten Gründe, aus denen jemand zum Brandstifter wird?
Brandstiftung ist kein neues Phänomen, vereinzelte spektakuläre Fälle sind sogar schon aus der Zeit vor Christi Geburt bekannt. Entsprechend gut ist das Krankheitsbild in der psychiatrischen Literatur beschrieben, mit vor allem einer Erkenntnis: Den typischen Brandstifter gibt es nicht. Die Motive reichen von Rache üben über Profitgier, politsche Hintergründe bis hin zu schweren psychiatrischen Störungen, bei denen jemand eine Stimme hört, die ihm befiehlt, bestimmte Dinge zu tun, um „erlöst“ zu werden. Die allermeisten Brandstifter aber sind sich intellektuell aber durchaus über ihr Tun und die möglichen Folgen im Klaren.

Zur Person:

Dr. Jutta Kammerer-Ciernioch ist seit November 2017 Ärztliche Leiterin am Ameos Klinikum Hildesheim. Die studierte Humanmedizinerin absolvierte ihre psychiatrisch-psychotherapeutische Ausbildung am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, bevor sie leitende Oberärztin im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden wurde. Sie ist unter anderem Spezialistin für Behandlungsangebote für junge Menschen mit psychischen Störungen.

Steht denn Brandstiftung grundsätzlich mit einer psychischen Erkrankung in Verbindung?
Früher hat man für Brandstifter häufig die Bezeichnungen Pyromane oder Monomane benutzt, die ja auf eine krankhafte Störung verweisen (Anmerkung der Redaktion: „Manie“ – Raserei, Wut, Wahnsinn). In der Tat handelt es sich meist um eine Störung der Impulskontrolle, also einem zwanghaften Bedürfnis, etwas zu tun, von dem man weiß, dass es falsch ist, von dem man sich aber selbst nicht mehr abhalten kann. Das kennt man auch von pathologischen Spielern oder Menschen, die dranghaft stehlen. Diejenigen, bei denen eine Impulskontrollstörung Auslöser ist, empfinden häufig eine Form von Erregung, emotional, manchmal auch sexuell.

Ein freiwilliger Feuerwehrmann aus Drispenstedt hat gestanden, einen großen Teil der jüngsten Brände in Hildesheim gelegt zu haben. Ein typischer Fall?
Statistisch gesehen gibt es unter Feuerwehrleuten nicht mehr Brandstifter, als in der übrigen Bevölkerung. Wenn solche Fälle öffentlich werden, spielt meistens das Thema Geltungssucht eine große Rolle: Ein Feuerwehrmann, der sich als Held sehen möchte, in seiner Tätigkeit aber dieses Bedürfnis nicht genug ausleben kann. Da gibt es starke Parallelen zu anderen Berufen, wie beispielsweise dem Krankenpfleger, der seinen Patienten Kalium spritzt, um hinterher bei der Reanimation zu glänzen.

Gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die Menschen besonders anfällig für solche Störungen machen?
Meist handelt es sich um Menschen, die intellektuell eher einfach gestrickt sind, nicht sehr differenziert denken, kein hohes Bildungsniveau haben und eher wenig soziale Kontakte. Man wird wahrscheinlich selten einen pathologischen Brandstifter finden, der in einer intakten Beziehung lebt.

Sind Brandstifter eigentlich immer Männer?
Ganz überwiegend ja. Das hat neben einer genetischen Komponente viel mit der Sozialisation zu tun, mit dem Kontaktverhalten und einem anderen Rollenverständnis. Männer suchen sich immer noch Wertschätzung viel stärker über den Beruf als Frauen, für die die Familie und die sozialen Bindungen ebenfalls einen hohen Stellenwert haben.

Hätten im aktuellen Fall zum Beispiel andere Feuerwehrleute eine Chance gehabt, solche Tendenzen bei ihrem Kollegen im Vorfeld zu erkennen?
Nein. Im direkten Kontakt verhalten sich Menschen mit einer gestörten Impulskontrolle meist sehr angepasst. Auffällig wäre höchstens, wenn ein Feuerwehrmann ständig in Zivil an den Brandorten auftaucht, obwohl er gar keinen Dienst hat.

Wie erkennt ein Psychiater, ob eine pathologische Störung vorliegt?
Zunächst einmal, indem er andere Motive ausschließt. Und dann letztendlich durch eine Form der strukturierten Befragung, bei der die gesamte Persönlichkeitsentwicklung einbezogen wird. Wie ist das Verhältnis zur Herkunftsfamilie, hat die Person im Kindesalter Grenzen gesetzt bekommen und gelernt, mit Frustration umzugehen? Gab es schon früher Auffälligkeiten – zum Beispiel Zündeleien oder auch andere Delikte wie Tierquälerei? Zeigt die Person im Erwachsenenalter noch andere Formen der mangelnden Impulskontrolle, zum Beispiel Kleptomanie? Bis hin zu der Frage, ob es schonmal vorgekommen ist, dass die Person Stimmen gehört hat, die ihr etwas befehlen. Da kann man in der Regel auch mit einer ehrlichen Antwort rechnen.

Gehen Menschen, die mehrfach Brände legen, im Laufe der Zeit immer höhere Risiken ein?
Es gibt eine Art Toleranzeffekt, ähnlich wie bei Medikamenten, deren Wirkung mit der Dauer der Einnahme abnimmt. Dann braucht jemand immer stärkere Reize , um eine innere Befriedigung zu erreichen. Das können mehr oder größere Feuer sein, aber auch mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit – die ja wiederum durch mehr und größere Brände erreicht wird.

Das heißt, in letzter Konsequenz würde der Brandstifter auch Menschenleben gefährden?
Das kann passieren. Wobei er das nicht bewusst herausfordert, sondern eher die Konsequenzen seines Tuns nicht zuende denkt.

Wie schätzen Sie den Trittbrettfahrereffekt ein, wenn eine Serie von Bränden öffentlich wird?
Der ist wie bei anderen Straftaten gegeben: Aus der Hoffnung heraus, dass der Fokus auf dem Haupttäter liegt und sie selbst dadurch geschützt sind, kann es Nachahmer geben. Ein starkes Motiv ist das Ausleben von Macht. Jemand legt einen Brand und beobachtet dann aus dem Hintergrund, wie „seinetwegen“ fünf Feuerwehrautos losfahren. Es gibt auch antisoziale Persönlichkeitsstörungen, das sind höchst manipulative Menschen, die so eine Situation nutzen, um einem anderen weitere Taten unterzuschieben.

Haben hohe Strafen einen Abschreckungseffekt?
Nein. Jemand, der einen so starken Drang verspürt, interessiert sich nicht für die Strafen, die ein anderer bekommen hat. Der ist erstmal mit sich selbst beschäftigt.

Wünschen sich Brandstifter unbewusst, entdeckt zu werden?
Das hängt von der Persönlichkeit und dem jeweiligen Wertesystem ab, also von der Frage, inwieweit jemand ein „schlechtes Gewissen“ verspürt. Es gibt Täter, die indirekte Hinweise auf sich selbst geben.

Un d endet mit dem Entdecktwerden sozusagen die Störung?
Nein. Das Entdecktwerden, die öffentliche Berichterstattung darüber, die Aufmerksamkeit, können dem Betroffenen sogar nochmal einen richtigen Schub geben. Die Störung der Impulskontrolle bleibt ohne Therapie aber im Zweifelsfall auch über eine längere Haftzeit hinweg erhalten, späterer Rückfall nicht ausgeschlossen. Und einen Therapieplatz im Gefängnis – den müssen Sie erstmal kriegen.

Franke: „Entdeckung für Wehr fast unmöglich“

Können Feuerwehrleute potenzielle oder aktive Brandstifter in ihren Reihen entdecken, oder zumindest Verdacht schöpfen? „Eigentlich unmöglich“, glaubt Kreisbrandmeister Josef Franke. „Die laufen ganz normal in der Kameradschaft mit, die lassen sich nichts anmerken.“ Wenn die Energie da sei, solche Taten zu begehen, reiche sie auch aus, um sich absolut ungerührt zu geben. Für solche Fälle könne die Feuerwehr ihre Führungskräfte nicht rüsten. Komme es aber zu so einem Fall, versuche er, das Geschehen mit den Kameraden des betroffenen Feuerwehrmanns aufzuarbeiten. Allerdings habe er bislang nicht die Erfahrung gemacht, dass durch solle Fälle die Motivation der Brandschützer leide. „Das kann eher passieren, wenn man von außen ständig darauf angesprochen oder deswegen angemacht wird.“ Allerdings bekämen betroffene Wehren zwar Negatives von Bürgern zu hören, erhielten andererseits aber oft auch Zuspruch. Der Anteil der Brandstifter unter Feuerwehrleuten sei indes nicht höher sei als unter anderen gesellschaftlichen Gruppen. im Landkreis Hildesheim gibt es rund 7200 aktive freiwillige Feuerwehrleute. abu