Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Wenn Dezernenten Kontakt zu den Bürgern suchen

Veröffentlicht von Norbert Mierzowsky am 16.04.2018.

Hildesheim - Am Anfang ist es einsam. Hildesheims Oberbürgermeister Ingo Meyer hat sein Dezernenten-Trio zum Gespräch mit den Bürgern in die Fußgängerzone gebeten. Dort stehen sie um 11 Uhr, fast unsichtbar im dunklen Schatten des kleinen Party-Zelts mit schwarzem Dach. Wie eine Insel am Rande des Fußgängerstromes, der über das Pflaster fließt. Das Stadtwappen prangt groß am Kontaktzelt, darunter klein der Spruch: Verwaltung ganz nah. Oder frei übersetzt mit: Bürger, komm’ doch zu uns, wir sprechen mit dir!

Zum dritten Mal verlässt die Verwaltungsspitze gemeinsam das Rathaus, in dem man zu den Chefs der wichtigsten Aufgaben in der Stadt nur Zugang über Sekretariate bekommt. „Man muss schon mal mit Wochen rechnen, bis man einen Termin bekommt“, räumt Oberbürgermeister Ingo Meyer ein. Und deswegen hat er auch dieses Mal wieder das Open-Air-Format gewählt, um direkt ansprechbar zu sein.

Doch mit einem Zelt und erstmal so Herumstehen klappt das nicht auf Anhieb. Neugierige Blicke erweckt das bunte Schild, das aber eher Rätsel aufgibt, was hier los ist. „Ist schon wieder Wahlkampf?“, fragt ein Passant, der kurz innehält und dann wieder weiterzieht. Nein, heute habe er nichts auf dem Herzen, was er mit der Verwaltung besprechen könnte.

Zu wenig Bänke in der Stadt

Baudezernentin Andrea Döring bewegt sich dann aus dem inneren Kreis heraus und setzt sich neben eine ältere Frau, die mit ihrem Rollator auf einer Sitzbank Platz genommen hat. Auf einer von wenigen. Zu wenigen, wie sich im Laufe des Samstagvormittags noch herausstellen wird. Döring stellt sich kurz vor und fragt die Frau, ob sie etwas für sie tun könne. Die zeigt in Richtung Marktplatz: „Ich brauche zehn Eier, aber ich komme die Steigung nicht mehr hoch.“ Ruth Struck ist 90 Jahre, lebt in der Innenstadt und ist erst vor zehn Jahren nach Hildesheim gezogen. „Mir gefällt es hier“, erzählt sie. Sie könne auch gut im Netto in der Andreaspassage eingekauft, aber ihre Eier will sie „frisch vom Markt“. Also sitzt sie auf der Bank bei gutem Wetter und wartet, ob jemand vorbeikommt, den sie kennt und ansprechen kann. Was ihr sonst noch Schwierigkeiten bereitet: das Pflaster. Döring nickt: „Wir wollen das Welterbeband noch weiter verlängern.“ Die flachen Platten werden besonders von Älteren gerne genutzt, um stolperfrei voranzukommen, weiß sie.

Wie funktioniert das Rathaus?

Mit rund 1200 Mitarbeitern. An deren Spitze stehen neben dem Oberbürgermeister Ingo Meyer drei Dezernenten, zwei Frauen und ein Mann. Auf der Homepage der Stadt www.stadt-hildesheim.de finden sich sämtliche Aufgaben der Verwaltung nach Lebensbereichen sortiert – vom Kleinkindalter bis zu Senioren. Im Bürgerinformationssystem steht außerdem, wer dafür jeweils zuständig ist. Und auch alle öffentlichen Vorlagen, in denen steht, über was Politik und Verwaltung verhandeln, kann man hier einsehen.

Finanzdezernentin Antje Kuhne ist derweil in ein Gespräch mit einer älteren Hildesheimerin vertieft, die ihr von der Bombardierung erzählt. Jeder Versuch Kuhnes, das Gespräch in Richtung Gegenwart zu lenken, scheitert. Zu groß ist das Redebedürfnis ihres Gegenübers. Erst als Kuhne den neuen Hofladen in der Neustadt anspricht, klappt es. Beide sind sich einig, dass das gut für Hildesheim sei.

„Kein Wunschkonzert“

Meyer hat sich dazugesellt und nickt: „Auch bei den vergangenen Malen war es häufig so, dass die Menschen einfach nur mit uns reden wollten, ohne ein konkretes Anliegen zu haben.“ Aber wenn etwas zur Sprache kam, habe die Verwaltung die Angelegenheit auch abgearbeitet: „Manchmal gibt es aber auch keine Lösung. Das ist hier ja schließlich kein Wunschkonzert.“

Dass nichts untergeht, dafür ist seine Büromitarbeiterin Jasmin Weprik zuständig. Eifrig notiert sie Anliegen, Namen und Kontakt. Das kennt sie auch aus fast allen Ortsratssitzungen, wenn sie dort für die Verwaltung mitschreibt. Vor allem am Anfang, wenn die Bürger ihre Anliegen vortragen. Jedes von ihnen landet auf einem der Schreibtische im Rathaus und wird bearbeitet. So wie die Beschwerden von dem älteren Mann aus Neuhof, der sich über zugeparkte Einfahrten ärgert: „Da passiert nix.“ Weprik lächelt ihn an und sagt: „Jede Woche wird dort bis zu zehnmal kontrolliert, darauf können wir sogar wetten.“ Doch er bleibt bei seiner Meinung: „Nix. Auch meine Nachbarin sieht nix.“ Eine fruchtlose Diskussion, Weprik schreibt seine Telefonnummer auf. Das nächste Mal, wenn die Politessen kommen, wird er benachrichtigt.

„Guck mal, das ist der Oberbürgermeister“

Und immer wieder das Thema Sitzbänke in der Innenstadt. Elke Schmitz von der Marienburger Höhe hat sich die Baudezernentin vorgenommen: „Die stehen manchmal einfach so quer rum.“ Und es seien zu wenige. Döring nickt: „Stimmt, aber es kann doch auch mal schön sein, wenn die Bänke anders stehen.“ Sie hat Hildesheim als Außenstehende kennengelernt und kann sich Veränderungen gut vorstellen. Auch bei Veranstaltungen in der Fußgängerzone: „Das kann kommunikativer werden.“

Und dann geht es plötzlich Schlag auf Schlag. Marc Rothstein vom Lions Club sieht den Oberbürgermeister und bietet ihm ein Hilfsprojekt seiner Leute an. Norbert Frischen von der Anti-Wasserkamp-Bebauungs-BI fragt nach einem Termin, um eine Unterschriftenliste zu übergeben. Zwei Frauen aus der Mendelssohnstraße beklagen sich über Wildwuchs. Es geht um wildes Parken rund um die Uni, Schmutz in der Innenstadt und wieder fehlende Bänke. Und um die Geschäftswelt.

„Ich laufe mir hier die Hacken krumm, wenn ich was suche. Online geht das schneller.“ Ein Hinweis, den Meyer und Kuhne sofort aufgreifen. Beide wollen verhindern, dass Kaufkraft aus Hildesheim abfließt. Zaubern können sie nicht. Aber sichtbar werden. Auch für die Enkelin von Hartwig Schultze, der mit ihr auf den kleinen Stand zugeht: „Maria, guck mal, das ist der Oberbürgermeister von Hildesheim.“ Auch ein Ergebnis für die Öffentlichkeitsarbeit.