Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Werner Müller weiterhin vermisst

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 14.09.2018.

Hoheneggelsen - Eigentlich ist sie viel zu schwer und unhandlich. Dieser Gedanke schoss Andrea Schütte als erstes durch den Kopf, als ihr die Polizistin die Reisetasche ihres Onkels überreichte. Mit dieser Tasche hätte Werner Müller eigentlich am Freitag, 31. August, um 14.30 Uhr, in Bad Oldesloe aus dem Zug steigen sollen, um an einem Familientreffen teilzunehmen. Doch der 79-Jährige kam dort nie an.

Die letzte Spur zu dem Rentner verläuft sich weit entfernt von Bad Oldesloe und weit weg von Hamburg, wo er auf seiner Irrfahrt wohl auch gewesen ist – nämlich in Hoheneggelsen. Dort hat eine Zeugin Werner Müller am späten Samstagabend gesehen, sogar mit ihm geredet. Dort wurde auch seine Reisetasche gefunden. Und dort, am Bahnhof, endete die Fährte, die ein speziell ausgebildeter Mantrailer-Hund aufgenommen hatte.

Mit Hubschrauber gesucht

Polizisten und Feuerwehrleute hatten die Suche auf das Gemeindegebiet Söhlde ausgeweitet, ein Hubschrauber suchte von oben. Inzwischen, gut zwei Wochen nach dem Verschwinden des aus dem baden-württembergischen Esslingen stammenden Mannes, gilt er weiterhin als vermisst – doch konkrete Suchaktionen planen die Behörden nicht mehr. „Wir haben in alle erdenklichen Richtungen ermittelt“, sagt Bettina Hoppe von der Polizei Bad Salzdetfurth, „wir haben aber keinen weiteren Ansatz, mit dem man fortfahren könnte.“

Andrea Schütte ist sich sicher, dass die Einsatzkräfte sich bemüht haben. Und doch lässt ihr das keine Ruhe, so lange sie keine Gewissheit hat, wo ihr Onkel ist. Und was mit ihm geschehen ist.

Selbst nach Hoheneggelsen gereist

Zusammen mit ihrem Mann hatte Schütte sich am Donnerstag nach Hoheneggelsen aufgemacht, um sich selbst ein Bild zu machen. Und in der Hoffnung – ja, worauf eigentlich? Sie habe kurz gedacht, eine Art Intuition könne sie auf eine neue Spur bringen, erzählt sie im Gespräch mit der HAZ und lacht kurz leise auf. Sie merkte schnell, dass ihre Hoffnung sich nicht erfüllen würde. Akribisch recherchierte sie aber anhand der Bahntickets aus der Reisetasche, wie ihr Onkel in Hoheneggelsen gelandet sein musste, reimte sich zusammen, welche Züge er verpasst, welche falsch genommen haben musste. Vielleicht, überlegt Schütte, hätten die körperlichen Strapazen der immer länger dauernden Reise und die unvorhergesehenen Zugausfälle und – verspätungen dazu geführt, dass ihr Onkel zusehens verwirrter wurde. Eine beginnende Demenz sei bei ihm zwar schon diagnostiziert gewesen, sagt die Nichte. Doch enge Freunde, die den 79-Jährigen noch häufiger erlebten als Schütte selbst, bekräftigen: Werner Müller ist im Alltag noch gut alleine zurechtgekommen.

Nicht nur die Polizei in Bad Salzdetfurth, sondern auch die in dem Vermisstenfall federführende Polizei in Reutlingen, sieht derzeit keinen Ansatzpunkt, um weitere konkrete Aktionen zu starten.

Andrea Schütte und ihre Familie vermuten inzwischen, dass Werner Müller die Region um Hoheneggelsen nie verlassen hat.

Keine weiteren Hinweise

Dafür spricht: Auf den auswertbaren Aufnahmen der Überwachungskameras in den Zügen, die den Ort im fraglichen Zeitraum verlassen haben, taucht er nicht auf. Dafür spricht auch: Seit der Sichtung in Hoheneggelsen folgten keine weiteren Hinweise auf Werner Müller, von keinem anderen Ort. Ein zwischenzeitlicher Tipp aus Mannheim hat sich mittlerweile als falsch erwiesen.

Dass der Suchhund die Fährte am Bahnhof Hoheneggelsen verlor, könnte darauf hindeuten, dass der Gesuchte von dort weitergefahren ist, sagt Bettina Hoppe von der Polizei Bad Salzdetfurth. Sie schränkt aber ein: „Es kann auch andere Gründe haben.“

„Müssen vom Schlimmsten ausgehen“

Und was ist mit der Möglichkeit, dass Werner Müller nicht mehr lebt, seine Leiche irgendwo in der Umgebung Hoheneggelsens unentdeckt liegt und die Suchtrupps sie in dem großen Gebiet nicht gefunden haben? „Ganz ausschließen kann man das nicht“, sagt Hoppe.

Andrea Schütte will die Hoffnung noch nicht aufgeben. „Wir wollen alles daran setzen, ihn zu finden, sagt sie, „auch wenn wir mittlerweile wahrscheinlich vom Schlimmsten ausgehen müssen.“

Werner Müller ist etwa 1,80 Meter groß und sehr schlank. Er hat grau-weiße Haare und trägt möglicherweise eine Lesebrille. Er spricht hochdeutsch ohne hörbaren Dialekt. Der Vermisste ist vermutlich mit einem dunklen Anzug und einem weißen Hemd bekleidet. Hinweise nehmen die Polizei Bad Salzdetfurth unter 0 50 63/901-0 und die Polizeidirektion Esslingen unter 07 11/3 99 00 entgegen.