Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Wie der mutmaßliche Mörder in Elze fliehen konnte

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 27.09.2019.

Elze - Den entscheidenden Hinweis auf den mutmaßlichen Mörder Frank N. aus Göttingen haben eine 32-jährige Zugbegleiterin und ihr 51-jähriger Kollege gegeben. Sie lösen damit am Freitagmorgen einen Großeinsatz der Polizei weit über die Kleinstadt Elze hinaus aus.

Es ist stockdunkel, als die Fahrgastbetreuerin am Freitag um 4 Uhr ihren Dienst in Göttingen beginnt. Sie trägt ihre blau-gelbe Uniform mit der Aufschrift Metronom. Auf ihrem Handy hatte die Göttingerin schon am Vorabend die beiden veröffentlichten Fotos des gesuchten Mannes gesehen. Der tödliche Angriff auf eine 44-Jährige mitten auf der Straße hatte sich schnell herumgesprochen – nicht nur in Göttingen.

Auffällige Brille des Gesuchten

Auf der Fahrt Richtung Hannover steigt bei Salzderhelden ein Fahrgast mit einem Rad in den Metronom ein. Die Zugbegleiterin schenkt dem Mann weiter keine Beachtung. Es ist 4.45 Uhr. Der Zug fährt an Freden im Landkreis Hildesheim vorbei. Die 32-jährige Fahrgastbetreuerin kontrolliert Fahrscheine. So wie immer. Da sitzt der Mann mit der auffälligen Brille und den regennassen Klamotten. Er zeigt einen gültigen Fahrschein, auch für sein Rad.

Diese Brille mit dem dunklen Rahmen, das Gesicht – die Frau stutzt. Ist das etwa der mutmaßliche Mörder, der überall gesucht wird? Ihren Verdacht teilt sie ihrem Kollegen mit. „Wir sind uns ja nicht sicher gewesen, wollten keinen Falschen verdächtigen“, betont die Frau.

Zu zweit gehen sie erneut durch den Wagen mit der Nummer zwei – einen Fahrradtransportwaggon. Um ja keinen Verdacht zu wecken, nehmen sie zum Vorwand ein Paket Papiertücher mit, um sie auf der Zugtoilette aufzufüllen. Beide werfen unauffällig erneut einen Blick auf den Fahrgast. Wieder und wieder. „Der Mann wirkte völlig ruhig, ich würde sagen tiefenentspannt“, sagt die Fahrgastbetreuerrin. Auf keinen Fall gehetzt oder gar nervös.

Fahrgäste müssen unauffällig folgen

Dennoch: Die beiden Zugbegleiter sind sich recht einig: Er könnte tatsächlich der gesuchte Mann sein. „Durch den Job bekommt man eine gute Gesichtskenntnis“, sagt der 51-jährige Angestellte. Was nun? Sie müssen handeln. Wer weiß denn, ob der Mann immer noch bewaffnet ist? Wieder brutal und gewalttätig wird. Der Verdacht wird sofort dem Zugführer gemeldet, dann die Polizei informiert.

„Aber wir mussten auch unsere Gäste schützen“, sagt die Zugbegleiterin. Etwa 15 weitere Personen befinden sich zu diesen Zeitpunkt in dem Waggon. Die Metronom-Angestellten lassen den Verdächtigen nicht mehr aus den Augen. Dabei beobachten sie, dass er zur Toilette geht. Er versucht offensichtlich, seine nassgeregnete schwarze Hose und Jacke zu föhnen – mit dem Händetrockner. Diese Zeit nutzen die beiden Zugbegleiter. Vorsichtig sprechen sie die Fahrgäste an. „Bitte kommen Sie mit, sofort.“ Es klingt sehr diskret. Auch der leise, aber bestimmte Satz: „Keine Fragen jetzt.“ Alle machen unauffällig mit.

Dann ist das Abteil leer – bis auf Frank N. Mit einem leisen Knacken verschließen die Zugbegleiter vorn und hinten das Abteil von außen. Der verdächtige Mann sitzt fest. Die Zugbegleiter atmen tief durch. Nun kann die Polizei übernehmen. Inzwischen haben sie erfahren, dass eine Beamtin von der Bundespolizei zufällig im Zug ist. „Aber wir konnten sie ja schlecht ausrufen lassen“, sagt der 51-Jährige.

Spur verliert sich in der Dunkelheit

Kurz vor 5 Uhr fährt der Metronom auf Gleis vier in Elze ein. Dort wartet die Polizei schon. Irgendetwas muss der gesuchte Naaß plötzlich mitbekommen haben. Als der Metronom steht, handelt der Mann blitzschnell. Er greift zu dem Notfallhammer an der Wand und schlägt eine Scheibe neben der Tür ein. Durch die 60 mal 60 Zentimeter große Öffnung zwängt sich der 1,80 Meter große Mann hindurch, rennt über die Glassplitter auf dem Bahnsteig in Richtung Hannover. Vor dem Zug springt er auf die Schienen ins Gleisbett und durchquert das Bahnhofsgelände in Richtung Kleinstadt. Im Wohngebiet verliert sich seine Spur in der Dunkelheit.

In der Kleinstadt Elze herrscht von sofort an Großalarm. Von allen Seiten strömen Einsatzwagen herbei: aus Hildesheim, Göttingen, Hannover, Celle. Der Bahnhof wird komplett abgeriegelt – sechs Stunden lang. Keiner darf das Gelände betreten. Polizeiliche Ermittlungen – Zugverkehr eingestellt, so steht es auf der Anzeigetafel im Bahnhof. „Sie kommen hier nicht durch“, sagt der Polizeibeamte aus Alfeld hinter dem rotweißen Absperrband immer wieder. „Es fährt kein Zug.“

Ein Anwohner aus der Bahnhofsstraße nickt. Er ist 88 Jahre und hat eigentlich vor, mit dem Metronom nach Hildesheim zu fahren. Was soll’s. Was ihn und viele andere Elzer viel mehr umtreibt, ist die Vorstellung, dass sich da irgendwo versteckt ein bewaffneter Mann im Wohngebiet an der Bahnhofsstraße aufhalten könnte. „Ich geh lieber wieder nach Hause“, meint eine Frau mit Kind an der Hand und dreht um. Andere zücken ihr Handy, um vielleicht eine andere Ersatz-Verbindung zu finden. Gibt es aber nicht. Es hilft nur warten.

Hund schlägt am Gleis an

Krankenwagen, Notfallmanager und eine Hundestaffel dürfen die Absperrung passieren. Von fern erklingt Gebell. Dann das entscheidende Zeichen: Ein Polizeihund schlägt auf dem Gleis an. Jetzt wissen die Ermittler: Der Mann, der aus dem Metronom geflohen ist, dürfte tatsächlich der mutmaßliche Mörder aus Göttingen sein. Die Beamten haben die Gewissheit: Sie sind auf der richtigen Spur.

Nun beginnt eine riesige Fahndungsaktion. Die Beamten vermuten den gesuchten Mann – nach einem Zeugenhinweis – in Rössing. Zahlreiche Polizeiwagen fahren in das Dorf. Mit Spürhunden fahnden Beamte nach dem Mann. Doch gegen Mittag scheint festzustehen: Hier scheint Frank N. nicht zu sein. Daher dehnen die Ermittler die Suche immer weiter aus. Rössing bleibt aber eine Art Basis. Am Veranstaltungszentrum Speicher werden nicht nur mehrere Polizeiwagen postiert, sondern auch ein Notarzt- und ein Rettungswagen.

Von hier aus fahren die Polizisten immer wieder los, suchen mit den Spürhunden nach dem Straftäter. An der Bahnstrecke bei Barnten, an der Straße von Barnten nach Giften sowie an den Giftener Seen. Auch in der Sarstedter Innenstadt fahnden die Beamten. Immer wieder reagieren die Beamten dabei auf Hinweise aus der Bevölkerung. „Wir nehmen diese Hinweise sehr ernst“, sagt Polizeisprecherin Jasmin Kaatz am Nachmittag. Doch alle Spuren verlaufen im Sand.

Mann ist weiter auf der Flucht

Allerdings deutet vieles darauf hin, dass sich der mutmaßliche Mörder weiter Richtung Norden bewegt. Am frühen Abend kommt schließlich der Hinweis, dass er im Bereich Hannover gesehen wurde. Nach unbestätigten Medienberichten soll Naaß sich abends bei einem Anwalt in Hannover gemeldet haben, danach sei er wieder untergetaucht. Bis Redaktionsschluss war Naaß immer noch auf der der Flucht.