Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Von der Telefonistin zur Gräfin

Veröffentlicht von am 25.04.2014.

Wrisbergholzen (ara) - Gräfin Eleonore von Goertz-Wrisberg feiert am Samstag runden Geburtstag. Derzeit lebt die 90-Jährige in einem Altenheim in Almstedt. Die Frau mit der herzlichen Ausstrahlung gilt als Original im Almetal. Die Schlossherrin von Wrisbergholzen ist zwar gebrechlich und auf eine Gehhilfe angewiesen - aber geistig fit. Gern erzählt sie fast schon unermüdlich aus ihrem Leben. Von Jahren in Krieg und Frieden.

Ein Vormittag im sonnendurchfluteten Saal des Seniorenheims in Almstedt. Die mit einer weißen Bluse und einer weinroten Strickjacke bekleidete Adelige empfängt den Besuch mit offenen Armen. Man nimmt Platz auf dem Sofa. Ein Schmetterling hat sich in die weißen Gardinen des Saals verirrt. Es gibt Kaffee und Schokokekse. "Sind Sie groß! Ich bin wohl kleiner geworden", scherzt die Wrisbergholzenerin. Sie gibt dem Reporter die Hand, ihn kennt sie schon länger von früheren Treffen. Völlig unbefangen beginnt sie wie auf Knopfdruck von ihrer Jugend zu erzählen. "Ich war doch bloß eine Briefträger-Tochter in Hildesheim", sagt sie freimütig. Bis sie im Jahre 1941 als Telefonistin der Reichspost am Domhof plötzlich einen besonderen Anrufer vermittelt. Graf Georg Heinrich von Goertz-Wrisberg, Deutsch-Schwede und Jesuit. Der Aristokrat arbeitet in Wrisbergholzen als Landwirt und lebt im Schloss. Was ihm fehlt, ist eine Frau an seiner Seite.

Die zwei finden sich bei ihrem zufälligen Telefonat sympathisch. Sie verabreden und treffen sich im dritten Kriegsjahr das erste Mal. Sie verlieben sich. Und heiraten. Das Kind aus der Arbeiterschaft wird Adelige. "Das ist mir aber durchweg egal. Man kann mich auch Lore Goertz nennen", sagt die 90-Jährige. Das passt zu der Rentnerin, die natürlich wirkt und bescheiden auftritt. Ihre blauen Augen sind hell und wach, ihr Teint sieht frisch aus - auch wenn sie hochbetagt ist. "Ich hätte nie gedacht, dass ich so alt werde. Und jetzt bin ich ein Ersatzteillager", sagt sie und lächelt.

Ihren Lebensmut hat sie sowieso immer beseelt, ihr geholfen. Auch in harten Zeiten. "Als ich 1943 als Telefonistin in Hildesheim arbeitete, riefen die Offiziere nachts aus Stalingrad an. Sie wollten ihre Frauen erreichen. Die weinten so sehr. Das bekamen wir mit - weil wir Telefonistinnen uns vergewissern mussten, ob das Gespräch zustande kommt." Das Weinen hat sie bis heute nicht vergessen. "Das war so schrecklich."

Die Gräfin kommt selbst im Krieg glimpflich davon. Das winzige Wrisbergholzen, in dessen Nähe ein geheimer Flugplatz der Wehrmacht liegt, ist kein Ziel der alliierten Bomber. Wohl aber Hildesheim. Dort, wo noch ihre Eltern lebten. "Mein Mann hörte heimlich den britischen Feindsender. Das stand unter Todesstrafe." Und so erfährt er, dass Hildesheim im Frühjahr 1945 ein verheerender Bombenangriff droht. Der Graf alarmiert die Eltern seiner Frau, lässt sie mit einem Bulldog-Traktor in Sicherheit schaffen - nach Wirsbergholzen, wo sie auf dem Schlossgelände unterkommen.

Dort gibt es jedoch auch brenzlige Momente. Ebenfalls 1945, als sich die amerikanischen Truppen dem Dorf nähern. Dort haben die Bürger am Kirchturm einen weiße Fahne gehisst. Die US-GIs gehen trotzdem auf Nummer sicher. Sie feuern eine Granate in den Kuhstall von Graf Goertz. Das Gebäude brennt nieder. Zum Glück sind die Kühe zu diesem Zeitpunkt auf einem Acker.
Dann der Moment, als die Gräfin zum ersten Mal in ihrem Leben einen Schwarzen sieht. "Ich duckte mich weg." Aber der Soldat lächelt sie an und gibt ihr eine Tafel Schokolade. "Hab' keine Angst", sagt er.

Es folgt die Besatzungszeit. Erst Amerikaner, dann sind es die Briten auf dem Areal des heute gut 260 Jahre alten Barockschlosses. 28 Flüchtlingsfamilien aus Schlesien, dem Neiße-Gebiet und anderen deutschen Regionen sind bis 1946 auf dem Adelssitz untergebracht. Auch der Bürgermeister von Breslau ist unter ihnen. Etwa 200 Menschen leben dort. Die Schlossbesitzer kommen gut mit den Leuten aus, erzählt Gräfin "Lore".

Essen ist genug da, Rüben ohnehin en masse. Dazu Kartoffeln, Gemüse. Dennoch ist das Leben in den ersten Nachkriegsjahren karg. Das kinderlose Ehepaar macht es sich mit den Flüchtlingen gemütlich, so gut es geht. "Ich weiß noch, wie jedes Kind zu Weihnachten 1946 eine Teelicht vor sich hatte und eine Tasse Kakao bekam", erzählt die 90-Jährige. Ihr Vater schlüpft in ein Weihnachtsmannkostüm und spielt an einem Flügel Weihnachtslieder. Bald ziehen die Flüchtlinge in den Süden Deutschlands. Die Gräfin kümmert sich mit ihrem Mann um die Landwirtschaft und den Wald, der zu ihrem Besitz zählt. Sie führt die Bücher. Es sind glückliche Jahrzehnte in einem architektonischen Kleinod auf dem Lande.

Dann 1976, ein tiefer Einschnitt in das Leben der Gräfin. Georg Heinrich stirbt. Zurück bleibt sie in dem vor Einbrüchen gesicherten 64-Zimmer-Schloss, ein Museum der Jahrhunderte. Treppauf, treppab. Die Gräfin kümmert sich nun jahrzehntelang allein um die Geschäfte. Weitgehend kommt sie auf sich gestellt zurecht. Doch hat sie Freunde in Wrisbergholzen, die ihr im Alltag zur Hand gehen.

Mit 88 erhält sie eine Betreuerin, Hilfsdienste widmen sich zudem der alten Frau. Gut zwei Jahre später, Ende 2013, wird sie schwer krank. Eine Operation zwingt sie, ihr Schloss zu verlassen. Die Umgebung, die sie liebt, obwohl dort jahrelang Verfall herrschte und nun die Sanierer am Werk sind. Im Krankenhaus bekommt die Rentnerin einen Herzschrittmacher.

Inzwischen geht es der 90-Jährigen viel besser. Sie fühlt sich wohl im Altenheim. Dennoch will die Gräfin bald wieder in ihr Zuhause. Zurück in das Denkmal, das noch immer mit Holz beheizt wird. In wenigen Tagen möchte sie mit ihrem Wellensittich "Piep" in ihrem Reich sein. "Darauf können sie sich verlassen", sagt sie - und klingt energisch.